Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, — nur daß wir ihn so leicht vergessen.

Am nächsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes Schreibheft:

Maiglöckchen zart und rein,
Läut'st schon den Frühling ein?
Nein, nein, er kommt noch nicht,
Du gehst zu früh ans Licht.

Werd ich dich welken sehn,
Dann werd auch ich vergehn,
Und in das kühle Grab
Senkt man uns beide hinab.

Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine getrocknete Blume — eine Zeugin holder Stunden — vor der Berührung bewahrt, die sie zerstören würde.

Mein Garten stand in vollem Frühlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August die Wagen in Decken hüllte. »Puckchen, mein Puckchen,« rief ich. Noch nie war ich fortgefahren, und wäre es auch nur auf ein paar Tage gewesen, ohne ihm ein Stückchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite und murmelte etwas Unverständliches. Da fiel mir ein, daß Mama vor kurzem von seinem Alter, der Möglichkeit seines Todes gesprochen hatte. Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen von Mademoiselle und Mama absichtlich überhörend, die mich zur Eile mahnten. »Geh nur, geh, Alixchen,« sagte August, der mir nachgekommen war, beruhigend, »Puckchen findest du nicht — —.«

»Er ist tot!« schrie ich außer mir und warf mich weinend in Augusts Arme. Alles lief zusammen, mich zu trösten, aber fassungslos blieb mein Schmerz. »Sieh, mein Kind,« sagte schließlich Mama, die mich auf den Schoß genommen hatte, »Puckchen war alt und krank, er hätte sich mit seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden. Eine Wohltat wars für ihn, daß ich ihn vergiften ließ ...« — Ich zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Tränen waren versiegt. Von der Mutter Schoß glitt ich herunter und sah sie groß an: »Du — du — hast mein Puckchen vergiftet?!«

Dann ließ ich mich still zum Wagen führen. Irgend etwas war entzwei gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupéfenster aus, wie die Stadt allmählich vor mir verschwand.

Zweites Kapitel

Wer sich von Partenkirchen westwärts wendet, wo lockend in geheimnisvoll düsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige Chaussee verschmähend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem zeigt sich plötzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hügel an Hügel von alten Baumriesen gekrönt und blühenden Büschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glänzend wie ein Silberstreifen durch die Gründe schlängelt, schmiegt sich vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Schoß der Ahne, ein weißes Kirchlein an die grauen Wände des Waxensteins. So oft ich es sah, — mir war immer, als lächele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag auch auf den kleinen Häusern ringsum: ein heller Goldton überzog die Wände des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und selbst die Heiligen und die Märtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, daß wohl keiner, der vorüberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebräunt waren First und Dach und Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten und Geländern niederschaukelte, daß das Dunkel auch hier nur da zu sein schien, um den Glanz noch stärker hervorzuheben. Dazu plätscherte der kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nährt und vom Eis, um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die über ihm nicken, die helle Stimme zu verlieren.