»Und ich sage Ihnen, daß er recht hat — tausendmal recht,« rief ein junger blonder Dichter, das gelbe Heft wie eine Fahne schwingend, »Wahrheit, hüllenlose Wahrheit ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur indem wir sie ohne Rücksicht auf hyperästhetische Altjungfernnerven, auch in ihrer Häßlichkeit, auch mit ihren Schwären und Wunden vor die Menschheit hinstellen, schaffen wir Kunstwerke, Kulturwerte.«
»Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst,« warf ein Maler Pilotyscher Richtung ein, »sie soll uns erheben, uns auf Momente wenigstens über das Elend des Daseins hinweghelfen —«
»Hinwegtäuschen, sagen Sie lieber,« mischte sich die junge Frau eines münchener Redakteurs ins Gespräch, die, wie man munkelte, unter anderem Namen Geschichten schrieb, die junge Mädchen nicht lesen durften, »sie soll den großen Kindern Märchen erzählen, statt sie zu lehren, mit der brutalen Wahrheit des Lebens fertig zu werden.«
»Wenn das ihre Aufgabe sein soll,« entgegnete der Maler, »dann werden wir glücklich dahin gelangen, Operationssäle und Wochenstuben auf der Bühne zu sehen. Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang gemacht.«
Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem letzten Winter, wo der Herzog von Meiningen den unerhörten Schritt gewagt hatte, die »Gespenster« auf seine Bühne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt war und ein Kreis junger Heißsporne den Dichter auf den Schild erhob, las und hörte ich oft von ihm, als von einem halb Verrückten, einem, der mit Wollust im Schmutze wühle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein Verlangen getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen konnte er unmöglich ein Wegweiser sein.
»Ibsen ist größer als Zola,« übertönte eine rauhe Männerstimme wie ein ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, »Zola ist der Zustandsschilderer par excellence, Ibsen aber legt die kritische Sonde an die tiefsten Übel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so aufregen, meine Herrschaften, so zeigt das nur, daß es irgendwo einen Punkt gibt, wo auch Sie unter seiner Berührung schmerzhaft zusammenzucken. Daß wir vor lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den großen und kleinen Stricken und Ketten, die uns formen und einschnüren, unser Ich verloren haben und als Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als lebendige Menschen, — das ist es, was jeden trifft, und was Ibsen zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis uns schließlich zu Kettenbrechern machen wird, oder ob irgend welche vorsorglichen Menschheitswärter nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen —«
Das allgemeine Gespräch verlief sich allmählich in die Rinnsale der Einzelunterhaltung und versickerte schließlich im Sande der Alltagsfragen. Während die anderen sich im Park zerstreuten, sprach ich den mit der rauhen Stimme an, einen echten vierschrötigen Bajuvaren. »Können Sie mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher Sprache erschienen sind?« Er musterte mich augenblinzelnd.
»Hm« — machte er — »obs der gnädigen Frau Tante auch recht sein wird?!«
»Darauf dürfte es kaum ankommen, da ich sie lesen will,« entgegnete ich scharf, geärgert über die spöttische Art seiner Antwort. Er lachte dröhnend.
»Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut in den Adern!« Mit großen, ungefügen Buchstaben schrieb er mir die Titel der Bücher auf eine Ecke Zeitungspapier, zerdrückte mir mit seiner Riesenfaust fast die Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte zum Parktor hinaus.