»Wer war das?« frug ich eine der Töchter.
»Ach — der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. Wie er heißt, habe ich nicht verstanden. Ein ungehobelter Gesell, nicht wahr?«
Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rückweg gab ich eine Karte an eine münchener Buchhandlung auf und sah von nun an jedem Postboten erwartungsvoll entgegen, heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines ungewohnten häuslichen Lebens vorschützend.
Und endlich kamen die Bücher! Ich las sie nicht, — ich trank sie, wie ein Durstender in der Wüste das frische Wasser. Nicht das Kunstwerk genoß ich in ihnen, und nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir war vielmehr, als hätte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll vor einem dichten Vorhang gestanden, den plötzlich ein Sturmwind auseinanderriß, um mir den blendenden, kristallhellen Spiegel dahinter zu enthüllen, der scharf und klar mein eigenes Bild zurückwarf, und das der Vielen um mich her.
Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen: von den wenigen Menschen, die auf Vorposten stehen und für die Wahrheiten kämpfen, die noch zu neugeboren sind, als daß sie die Mehrheit für sich haben könnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer bunten Gewänder entkleidet als nackte Lügen vor mir, und mit einem einzigen Blick erkannte ich des Weibes Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, daß ich den anderen Kunststücke vormachte?! »Ich habe Pflichten, die ebenso heilig sind — Pflichten gegen mich selbst —;« »ich muß nachdenken, ob das, was mir gelehrt wurde, richtig ist, oder vielmehr, ob es für mich richtig ist —« sagte Nora, und verließ das Puppenheim, um sich selbst zu finden. »Irgend wie und wann werde ich handeln müssen, wie Nora,« heißt es in meinem Tagebuch von Sommer 1887, »viele Fesseln, — feine, die ich kaum fühlte, und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, — umschnüren mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, daß ich jedes Jahr einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit den letzten fertig werden?« Und an meine Kusine, die mir über meine Ibsenbegeisterung erschrockene Vorhaltungen machte, schrieb ich: »Wer, wie Ibsen, den Mut hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote niederzureißen, der ist kein Pessimist, wie die Leute ihn schelten, die zu feige und zu bequem sind, um die Augen zu öffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine Zukunft, für deren helle Tempel Platz geschaffen werden muß, gibt die Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstörung ... Du warnst mich vor ›unüberlegten Handlungen‹; daraus sehe ich, wie wenig du mich verstehst. Denn gerade damit hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich muß die Aufgabe lösen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgend wo Hand anlegen kann, wo es für mich etwas zu tun gibt.«
Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich mich zur Heimkehr rüstete. Beim Abschied hielt der Onkel meine Hand lange in der seinen. »Schade, daß du den Bergen untreu wurdest,« sagte er.
Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang in die Höhe. Tief unten lächelte der See mit seinem großen Vergißmeinnichtauge; freundliche rote Dächer und spitze Kirchtürme grüßten von seinen Ufern, und hinter ihm bauten sich Ketten um Ketten weißglänzender Firnen auf. Nein, ich war den Bergen nicht untreu geworden, und Höhenluft wars, die ich mit mir nahm.
Zwölftes Kapitel
Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein Gipfel des Vergnügens, besonders wenn Onkel Walter der Führer war. Niemand wußte wie er, in welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem Zirkus am schneidigsten geritten wird, und wo man am besten ißt und trinkt. Die acht Tage, die ich diesmal auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm verbrachte, waren aber mehr eine Qual als ein Genuß für mich, obwohl wir vor lauter »Amüsement« gar nicht zu Atem kamen und meine lustige Tante sich über meine »blasierte Miene«, mit der ich wohl »die neueste Mode mitmachte«, nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll im »Mikado«, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei Renz, wir saßen auf der Estrade im Wintergarten, soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer in derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen Parlamentariern, aber von dem modernen künstlerischen und literarischen Leben, dem mein ganzes Interesse galt, war nur insofern etwas zu spüren, als die einen es verhöhnten, die anderen nach dem Staatsanwalt schrieen und der Rest heimlich und voll zynischer Lüsternheit mit ihm liebäugelte, wie ein alter Roué mit der Straßendirne. Familien-, Hof- und politischer Klatsch stand im übrigen im Mittelpunkt der Unterhaltung, und dem Ärger und der Verstimmung gab man, wie gewöhnlich, wenn man unter sich war, den kräftigsten Ausdruck. Des armen kranken Kronprinzen wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht, die Empörung über den Einfluß der Kronprinzessin, über die von ihr eingefädelte Battenberg-Affäre, deren Schlußeffekt der Sturz Bismarcks hätte sein sollen, über die ganze allmählich zu Macht und Ansehen gelangende Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen zusammen gesetzt sei, war viel zu groß.
Die von Bismarck kopulierte unnatürliche Ehe zwischen dem Nationalliberalismus und den Konservativen wurde hier, wo man sich keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchte, drastisch genug beleuchtet.