»Hab ichs nicht immer gesagt,« rief bei einer solchen Unterhaltung eines der ältesten Mitglieder des Herrenhauses, der Typus eines echten Feudalherrn vom guten Schlag, »daß wir uns nicht stärker blamieren konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern. Nichts, gar nichts Gemeinsames haben wir mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die der Bienenkönigin, die ihre werten Gatten töten läßt, wenn sie ihre Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter uns so dämlich, uns für — die Königin zu halten?!«
»Na, hören Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch nicht behaupten wollen —« unterbrach ihn mein Onkel.
»Gewiß behaupte ich —,« polterte der alte Herr »laßt mal erst das Gesindel hoffähig werden — ein ›von‹ und ein ›Baron‹ ist heut schon eine Spielerei für den, ders Geld hat —, dann wirds bei uns wie in England und in Frankreich: unsere Jungens reißen sich um ihre Mädels, und von dem ganzen guten preußischen Adel bleibt nichts übrig als der Name.«
»Nur daß die Voraussetzung für Ihre Folgerungen fehlen wird: der Kronprinz wird kaum zur Regierung kommen, und mit seinem Tod haben die Ambitionen der Herren Liberalen ihr Ende erreicht.«
Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich auf die Schulter: »Sie sind ein guter Kerl, Golzow, aber das Pulvererfinden ist ihre Sache nicht! Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn würde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist heute konservativ — aus Opposition, natürlich! Er bleibts vielleicht auch — dem Namen nach. Aber ist er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen Größen rechnen müssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht erleben, aber Sie, meine Herren, werden in zwanzig Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben, wenn er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert, und nicht die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen mehr den Wert des Mannes, sondern das gute Geschäft.«
»Es würde uns heute schon nichts schaden, wenn wir geschäftskundiger wären,« mischte sich Baron Minckwitz ins Gespräch, der wegen seiner Teilnahme an allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anrüchig war, »man muß mit den Wölfen heulen, will man nicht zugrunde gehen.«
Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »Ich gehe lieber zugrunde!« brüllte er. Ein peinliches Schweigen entstand. Mir gefiel die unverfälschte Echtheit des Alten. Er schien mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir über den Tisch hinweg die Hand.
»Verzeihung, mein gnädigstes Fräulein,« sagte er lächelnd, »ich bin wirklich ein alter Mummelgreis, daß ich in Anwesenheit junger Damen so ein Zeug schwätze! Übrigens — ich wills gleich wieder gut machen — richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment aus. Ich traf ihn vor vier Wochen in Stettin bei Ihrer Majestät, er lief mir aber davon, ehe ich ihm selber sagen konnte, wie glänzend seine Führung im Manöver war. In der Umgebung Seiner Majestät herrschte nur eine Stimme darüber.«
Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaisermanöver, bei dem mein Vater das Ostkorps, den »markierten Feind«, zu kommandieren gehabt hatte, nur wenig gehört. »Der Kaiser war außerordentlich gnädig,« hatte er mir geschrieben, »die Ernennung zum Divisionskommandeur kann jeden Tag erfolgen,« hatte Mama hinzugefügt. Ich freute mich nun doppelt, Näheres zu erfahren. »Sie wünschen am Ende eine Kriegsberichterstattung mit allen Schikanen?« frug Graf Lehnsburg und baute aus Brotkrümeln und Papierschnitzeln ein ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort abzuwarten.
»Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin; die Papierschnitzel davor, das ist das Dorf Brunn, und hier die Semmeln, das sind die Höhen, die der General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen des 14. September besetzt hielt. Er gehört noch zu der alten Sorte, wissen Sie, die von Anno 70 her weiß, daß der, der am frühsten aufsteht, dem Siege am nächsten ist. Dort drüben von der Ostsee her — der Rotweinklexs reicht gerade für den Tümpel — kommt das feindliche Korps auf Stettin zu marschiert, das es, nach dem Ratschluß der obersten Götter, erobern soll. Der Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen zu werden und den Ruhm des Gegners zu erhöhen. Natürlich war dieser Gegner — wie das die Götter mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen — noch mal so stark als er und hatte überdies in seiner Mitte so was wie einen Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke reißen, immer noch seine Gläubigen heraushaut.« Er legte dabei ein dickes Stück Schwarzbrot in die Mitte der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten auf, lachten und rückten näher zusammen. »Nun war aber ein Hundewetter an dem Tag, es regnete Bauernjungens, darum entdeckte das Westkorps den General, der schon eine ganze Weile mit allem nötigen Klimbim auf seinen sieben Hügeln thronte, erst nach einigem unruhigen Hin- und Herfackeln. Nachdem es die Situation glücklich erfaßt hatte, ging es marsch, marsch im Sturm voran. Prinz Wilhelm — der Schutzheilige, wissen Sie! — führte dabei das Pommersche Grenadierregiment, und ich glaube, jeder einzelne Kerl darin hatte schon nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich den Lorbeer zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln kroch. Aber Ihr Herr Vater hält offenbar nichts von Heiligen, — er ist ein ausgemachter Ketzer, für den schon irgendwo die Dienstbeflissenen den Scheiterhaufen zusammentragen, — er empfing den Feind mit einem mörderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze blieb, das hätte er, weiß Gott, noch gefangen genommen, wenn nicht ein weiser Hoherpriester ihn beizeiten davon abgeraten hätte. Der hat freilich zum Dank dafür ein paar faustdicke Grobheiten einstecken müssen! Es gab dann noch eine formidable Reiterattacke — ein théâtre paré für die Fremden! —, wobei ein paar tausend arme Gäule sich einbilden sollten, das Vaterland retten zu müssen; aber auch die Vierfüßler im Ostkorps zeigen sich als die stärkeren. Ein schauerliches Abschlachten wärs im Ernstfall gewesen. Sie sehen, Stettin konnte ruhig sein, — und der alte Herr hat in der Kritik den General von Kleve über den grünen Klee gelobt. Trotzdem wars eine hanebüchene Dummheit, wie sie den Tapfersten immer zustößt, daß er — hm! — daß er den — den Schutzheiligen nicht besser respektierte.«