Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten konstruieren künstlich eine Weibesliebe, die den Gleichen begehrt. Den Höherstehenden will sie; denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedürftigkeit ist ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, meiner Sehnsucht Erfüllung vorzutäuschen, und wenn ich auch oft entsetzt gewahr wurde, daß der Instinkt der Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen uns lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine Wünsche immer wieder die Brücken hinüber. Nur des Nachts rächte sich die unterjochte Natur an mir. Stundenlang lag ich wach und kämpfte mit den warnenden Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dämmerte, fiel ich in unruhigen Schlaf. Von der Servatiikirche hörte ich die Stunden schlagen; die gleichmäßigen Schritte zählte ich, mit denen der Posten vor dem Hause unaufhörlich auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter die Decke, wenn die Mäuse, die unvertilgbar schienen, piepsend über die Diele raschelten. Von Kindheit an brach mir der Angstschweiß aus, sobald eins der zierlichen grauen Geschöpfchen in meine Nähe geriet.
Ich wurde immer schmaler und blasser, und müde — immer müder. Die weiche Frühlingsluft, die merkwürdig früh in diesem Jahr Blätter und Blüten hervorlockte, erschlaffte mich vollends.
Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit für weibliche Sanftmut zu halten; das verstärkte in seinen Augen meine Anziehungskraft. Ich ließ es geschehen, daß er mich fast schon wie sein Eigentum behandelte. Hessenstein versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach zu rufen. »Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglück,« sagte er einmal, »niemals passen Feuer und Wasser zusammen.« »Aber das Wasser löscht das Feuer aus,« antwortete ich mit trübem Lächeln, »und gerade das ists, was ich brauche.«
Es war schon Ende März, als Prinz Sayn, der Kommandeur der Kürassiere und unermüdliche liebenswürdige Arrangeur aller Feste, zum Polterabend einer bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in Vorschlag brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg war selbstverständlich mein Partner. Bei einer der vorbereitenden Zusammenkünfte wurde die Kostümfrage besprochen, und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, der Aufführung den Charakter eines Schäferspiels zu geben, als meine Mutter das Hofkostüm der Rokokozeit für angemessener hielt. Der Prinz und seine Frau, die mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewändern schon Anstoß genommen hatten, stimmten ihr zu; da niemand einen Einwand erhob, schien die Angelegenheit erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst den Grund, der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. »Dein schweriner Pompadourkostüm hast du nur das eine Mal angehabt,« sagte sie, sichtlich befriedigt, »wir sparen nun, Gott Lob, jede Neuanschaffung.«
»Mein Pompadourkostüm!« Ich erschrak und rief heftig: »Lieber verbrenn' ichs!«
»Du bist wohl nicht ganz bei Trost!« antwortete Mama ärgerlich. Meine Blässe erst machte sie aufmerksam. »Ach — darum!« sagte sie gedehnt, »solch eine Sentimentalität hätte ich dir nicht zugetraut.« Ich schwieg.
Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen mit Hessensteins Hilfe die Jugend auf meine Seite. Die Herren erklärten, daß die Hofkostüme ihnen zu kostspielig seien, die jungen Mädchen, daß sie die langen Schleppen nicht leiden könnten. Es war eine förmliche Revolte. Syburg allein war auf Seite der älteren Mitwirkenden und der Mütter. »Ich kenne die Gründe Ihrer Frau Mutter,« sagte er mir leise, »und ich begreife nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an diesem kindischen Tumult teilnehmen kann.« Ich ärgerte mich über die Bevormundung und mehr noch über das gute Einvernehmen zwischen Syburg und meiner Mutter, aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen; wir wurden überstimmt.
Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. Ein leiser Duft von Jasmin stieg aus den Falten, und seine Bänder und Schleifen, seine grünen Blätter und roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig ge wordene Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte die Seide: »O la marquise Pompadour — Elle connait l'amour —«. Durch das Mieder, das sich eng um meinen Körper schmiegte, spürte ich den Arm, der mich einst so zärtlich an sich gezogen hatte.
»Hellmut!« stöhnte ich leise und brach in Tränen aus. Der Felsen, den ich vor die Grabkammer meines Innern gewälzt hatte, war zersprengt; und wo ich nur Totes wähnte, stürzte wild wie ein Gießbach das Leben hervor.
»Du weinst?!« Mein Vater stand vor mir. »Es ist nichts — Papachen — nichts!« versuchte ich ihn zu beruhigen und trocknete hastig Augen und Wangen. Er lächelte liebevoll: »Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen — alles — alles wird gut werden!« Und als ich, meiner selbst nicht mächtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, zog er mir die Hände vom Gesicht und sagte leise: »Syburg war längst bei mir und hat — als ein ehrenwerter Mann durch und durch — zuerst deine Eltern gefragt, ob er um dich werben dürfe ...« Ich fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Das darf dich nicht kränken, mein Kind, — du solltest selbstverständlich nichts davon wissen — die Freiheit der Entschließung sollte dir allein vorbehalten bleiben —« Er schloß mich gerührt in die Arme, — er war überzeugt, mich ganz getröstet zu haben — der gute Vater!