Er führte mich zum Wagen hinunter — meine Schleppe raschelte über die breiten Stufen — draußen, rechts und links, standen die Menschen, um mich anzustaunen; — hatte ich diesen Augenblick nicht schon einmal erlebt? Damals — im weißen Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche fuhr, um ein Gelübde abzulegen, von dem mein Herz nichts wußte!
Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. Hessenstein sprang zu und stützte mich. In demselben Augenblick war Syburg neben mir. »Ihre Dame erwartet Sie,« sagte er scharf und kühl zu meinem Begleiter, und gehorsam legte ich meine Hand in seinen dargebotenen Arm.
Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, daß meine Füße sich im Takt bewegten, während meine Seele weit, weit fort war — oder war ich die kleine Seejungfrau, die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, den sie tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mußte?! — Wie fest schlossen sich heute die Finger meines Tänzers um meine Hand — wie Teufelskrallen, die mich nicht mehr los lassen wollten —; und so sengend heiß wehte sein Atem mir in den Nacken! Ängstlich vermied ich es, ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, wie auf Draht gezogen bewegte er sich, — ach, und heute — heute tanzte spukhaft eine andere Gestalt neben mir —
Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mußte ihn ansehen, über die Schulter hinweg, fächerschlagend, mit einem koketten Lächeln. Und da traf mich sein Auge, und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides haften — mit schwüler, begehrlicher Lüsternheit —
Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich an den Fingerspitzen haltend, verließen die Paare den Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat Syburg, meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fühlte und nach Haus fahren müßte. Ohne Rücksicht auf all die erstaunten Blicke, die mich trafen, nahm ich den Mantel um und stand schon auf der Treppe, als meine Eltern mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich zu Hause aufs Bett. Mama fühlte mir den Puls und schickte nach dem Arzt. »Die übliche Frühlingskrankheit junger Damen,« sagte er, »schicken Sie ihr Fräulein Tochter aufs Land.« Mit einem Gefühl der Befreiung ergriff ich den guten Rat und stellte mich kränker, als ich war, nur um ihm folgen zu dürfen.
Es war Ende April damals. Die kleine Fürstin Limburg fiel mir ein, die mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen hatte. Sie war ein reizendes Frauchen, das jedoch seiner nicht ganz ebenbürtigen Herkunft wegen von der Gesellschaft Münsters schlecht behandelt worden war. Zuerst aus bloßem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte ich mich ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft erworben. »Kommen Sie sofort, freue mich riesig« war ihre telegraphische Antwort auf meine Anfrage, ob mein Besuch ihr recht wäre.
Der Frühling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien gerecht werden zu wollen. In reinem Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag über die Erde, und es sproßte und blühte überall; keinen kahlen Winkel duldete der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. Am ersten Mai fuhr ich über die Haar hinunter ins Lennetal; leuchtend wie flüssiges Silber, schlängelte sich der Fluß zwischen den Bergen, die ihn links und rechts, von grüngoldigem Glanz übergossen, in weichen Linien begrenzten. So weit das Auge blickte: Wald und Berg, und hoch oben die Burg mit Türmen und Zinnen, wie ein starker, trutzig gewappneter Schützer dieses stillen Friedens. Aber je näher ich kam, desto mehr verschob sich das Bild: breit und massig dehnte sich die Stadt unten am Ufer aus, als hätte sie sich mit Ellbogen und Fäusten Platz geschaffen; und verletzt von der Roheit des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten zu ihr hinauf drohte, zog sich die Burg hinter ihren dunklen Bäumen zurück.
Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr helles Lachen und Schwatzen begleitete unsere ganze Fahrt hinauf, so daß ich Muße hatte, die Augen wandern zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe; je höher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: dort der Kegel des Raffenbergs, der Weißenstein mit seinen zackigen Spitzen, das Felsentor der Hünenpforte, und fern am Horizont die blauen Höhen der Ruhr. O, wer doch immer hoch oben bleiben könnte, wohin kein Lärm und kein Ruß zu dringen vermag!
Durch den langen gewölbten Torweg ratterte der Wagen in den Burghof, den hohe Mauern, Türme und Wehrgänge umschlossen. »Ists nicht schön hier?« lächelte Anna. »Aber mit meinem Fritz würd' ich auch in einer Rumpelkammer glücklich sein,« fügte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann um den Hals, der eben auf uns zu trat.
Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schloßmauer träumte ich stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen, knospenden Linden saß ich, wo vier alte Geschütze an die Zeit erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbständig Kriege führen und Münzen prägen konnten; und zu Fuß, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Täler, mit lindenumgrünten Bauernhöfen, und steile Höhen, mit Burgen gekrönt, von den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast überall aber dröhnten die Eisenhämmer, kreischten die Sägen und klapperten die Mühlen; und wer die Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch tief in den Felsenhöhlen der Berge finden. Viele Stätten erinnerten durch Namen und Sage an die Götter der Alten, an Wodan und Donar, an die Kämpfe der Römer gegen das mächtige Volk der Sachsen, an Wittekinds vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter Kreuz und Krone, — aber schon lauerte das gefräßige Ungeheuer, die neue Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein empor, wo der Burgturm langsam zusammenstürzte. Ich floh seinen Anblick und wäre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flügeln der Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglühte Märchenreich, aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten Spinnenfäden.