Die Alte lachte: „Ach, das wird man alles gewohnt. Sehen Sie, beim Schmied wird die Hand hart, daß er keine Hitze mehr fühlt, und beim Tischler wird die Hand hart, daß ihm der Hobel nicht mehr weh thut, und bei mir da ist nachgerade das ganze alte Fell hart geworden, daß mir Wind und Wetter nichts mehr anhaben kann; man glaubt nicht, was sich alles lernt im Leben.“

Sie ging; Martha begleitete sie, um ihr den Korb mit aufheben zu helfen; sie erzählte ihr das Unglück mit dem Mädchen, und die Alte versprach ebenfalls, ihre Augen und Ohren danach aufzuthun.

„Jetzt aber, Fräulein, jetzt müssen Sie mir noch die Liebe thun und die zwei Paar jungen Tauben annehmen; bei meiner Kathrine sitzen sie über dem Kuhstall, da brüten sie bald.“

Martha dankte herzlich, aber sie faßte die Thierchen mit einem ängstlichen Blick auf Trude.

Diese lachte: „Ach so! das Fräulein hat gewiß noch keine geschlachtet; da will ich die Köpfe nur gleich noch abreißen — so! Nun behüte Sie der liebe Gott, und halten Sie Ihren jungen, hübschen Kopf oben, daß die Mutter keine betrübten Gesichter sieht, es geht alles in der Welt mit der Gotteshilfe.“

Martha war ganz mit ihr einverstanden im tiefsten Innern, besonders was die großen Sorgen des Lebens betraf; wie es jetzt aber weiter gehen sollte mit ihrer Wirtschaft und speziell mit diesen zwei Paar Tauben, das war ihr sehr unklar. Für das Große, meinte sie, da könnte man doch den lieben Gott recht anrufen, aber für solche Lappalien, die man noch dazu durch seine Dummheit verschuldet hat, da erschien es ihr fast, als dürfte sie es nicht. Zunächst, das schien ihr gewiß zu sein, mußten die Tauben gerupft werden; sie setzte sich auf den Rand des Küchentisches dicht ans Fenster und begann die ungewohnte Arbeit. Es ging sehr langsam; sowie sie sich bemühte, etwas schneller vorwärts zu kommen, riß die feine Haut ein; dazu war ihr das Herz so schwer. Was sie schon längst bedrückt hatte, das war ihr heute vor dem leeren Kohlenstalle zur Gewißheit geworden; sie hatte schlecht gewirtschaftet, und ihre Gelder mußten zu Ende sein, bevor dieser Monat zu Ende war; vor dem ersten April war nichts Neues zu erwarten, und sie quälte sich mit dem Gedanken, wie es bis dahin werden sollte; sie hatte sich zusammengenommen diese ganze Zeit; jetzt tropfte langsam eine Thräne nach der anderen herab aus ihren Augen, und sie mußte immer wieder die Arbeit sinken lassen, um diese zu trocknen. Ohne es zu wissen, hatte sie dabei zwei teilnehmende Zuschauerinnen. Der Feldwartschen Küche gegenüber lag die Küche der großen Wohnung im Vorderhause; dort hatte Martha bis gestern neben dem Dienstmädchen nur eine schlanke Dame wirtschaften sehen, und zuweilen bemerkt, daß die Blicke derselben freundlich und teilnehmend auf ihr ruhten. Heute zeigte sich neben der Dame ein junges, behendes Mädchen, ohngefähr in Marthas Alter. Als Martha von ihrer Arbeit aufblickte, sah sie die junge Gestalt am Fenster stehen, und als sie nach einiger Zeit zum zweitenmale hinsah, grüßte dieselbe freundlich, und Martha dankte ihr. Jetzt bemerkte sie, wie Mutter und Tochter — das waren sie sicher — eifrig miteinander sprachen: die Mutter lachte, die Tochter verschwand, und einige Minuten später klingelte es an Feldwarts Korridorthür.

Als Martha öffnete, stand das junge Mädchen mit hocherrötendem, verlegenen Gesichte ihr gegenüber: „Ach, verzeihen Sie, ich bin ja nur das Suschen von drüben.“

Martha wollte ihr die Zimmerthür öffnen.

„Ach bitte, nein! ich kann ja nicht ins Zimmer, so wie ich bin!“ sagte Suschen und lachte, indem sie auf ihren Morgenrock und ihre blaugedruckte Küchenschürze zeigte. Martha dachte, daß die zierliche Gestalt mit dem glatten, blonden Köpfchen, den klaren, blauen Augen und Grübchen in den Wangen an jedem Platze hübsch aussehen müßte, aber Visitenkostüm trug sie freilich nicht.

„Ich wollte, ach, wenn es nicht unbescheiden ist, ich wollte Ihnen Tauben rupfen helfen.“