„Nu, meine liebe Frau Feldwarten: welche der Herr lieb hat, die züchtiget er; ich habe es auch erfahren. Ich habe einen Mann und zwei Söhne begraben, und habe mich durchschlagen müssen mit drei schwachen, kleinen Mädchen; da weiß ich wohl, wie Ihnen das zu Sinne ist.“

„Ach, Trude, es ist zu schwer: mein Mann tot und alles mit ihm zusammengebrochen; nun in Armut sitzen und nicht wissen, wovon man am andern Tage leben soll, und das arme Kind, die Martha, ach Gott, ach Gott!“

Es waren die ersten Worte der Klage, die über Frau Feldwarts Lippen kamen, so lange sie hier war; es waren die ersten Thränen, die jetzt über ihre Wangen stürzten seit ihres Mannes Tode; sie kamen nun wie ein unaufhaltsamer, nicht endenwollender Strom. Trude stand leise auf, nahm den Kopf ihrer ehemaligen Herrin in ihren Arm, wie sie es gethan hatte, als dieselbe noch ein Kind war, und strich mit ihrer welken Hand sanft über das ergrauende Haar.

„Ja, weinen Se nur, weinen Se nur, Frau Feldwarten — immer zu! Die Thränen hat uns der liebe Gott gegeben; die fließen ab aus dem Herzen, wenn es zu voll wird, daß es nicht bricht, und glauben Sie nur, der liebe Gott hilft schon durch. Der Reichtum hat seine Freuden und seine Lasten, und die Armut hat ihre Freuden und ihre Lasten; die Hauptsache ist, daß der liebe Gott mit seiner barmherzigen Hand immer dazwischen ist; hat doch der Heiland auch nicht im Schlosse gewohnt, sondern im Stalle; ich meine, da ist’s noch lange nicht so fein gewesen wie hier in der Stube.“

Martha war hereingekommen, das Wort traf sie tief! Die Alte sah, daß die Thränen ihres Pflegekindes sanfter flossen — sie stand auf.

„Darf ich denn ’mal wieder kommen, Frau Feldwart?“

„Ach, Trude, komme ja, so oft du kannst; aber wo wohnst du denn eigentlich und was treibst du?“

„Ach, mir geht’s jetzt ganz gut; zwei von meinen Töchtern sind verheiratet, die älteste ist in recht guten Verhältnissen, die jüngste dient auf dem Amte, und mir hat der Herr Amtmann das Häuschen beim Thore gegeben, wo sonst der alte Boten-Ferdinand wohnte; ich thue die Botengänge nach L. und nach hier; ich bin glücklich auf meine alten Tage.“

Frau Feldwart sah hinaus; der Februarsturm peitschte den Regen gegen die Scheiben.

„Aber bei solchem Wetter gehst du auch? Wirst du da nicht krank?“