Das war nun recht dankenswert, aber dennoch blieb eine große Sorgenlast auf Marthas Herzen, und sie stand recht traurig in der Küche und musterte die Reste vom vergangenen Tage, ob sich vielleicht ein Mittagsbrot daraus zusammensetzen ließe; da klopfte es an die Küchenthür, und als Martha dieselbe öffnete, erschien in ihrem Rahmen ein Frauenkopf, braun gebrannt von der Sonne, mit hundert kleinen Fältchen gezeichnet; das weiße Haar schimmerte nur wenig hervor unter einem neuen, karrierten Kopftuche, das, am Hinterkopfe regelrecht gebunden, in zwei gleichen, glatten Zipfeln nach beiden Seiten abstand, und mitten aus den freundlichen Zügen leuchtete ein ungemein helles, strahlendes Augenpaar die verwunderte Martha an: „Ach, ist’s denn möglich? nein, gar nicht verändert, noch ganz und gar wie sonst, mein liebes, liebes Fräulein!“

Marthas Verwunderung stieg: „Wen suchen Sie denn eigentlich, liebe Frau?“

„Aber, mein Fräulein Riekchen, oder meine liebe Frau Feldwart, kennen Sie mich denn nicht? Es sind ja nun wohl schon ein- oder zweiundzwanzig Jahre, daß wir nicht zusammengekommen sind; aber Ihre alte Trude, die sollten Sie denn doch wohl nicht vergessen haben.“ Martha fing an zu begreifen. Trude! den Namen hatte sie von ihrer Mutter oft nennen hören; sie lächelte: „Ja, was vor zweiundzwanzig Jahren war, kann ich freilich nicht wissen; ich werde im Sommer erst achtzehn. Sehe ich vielleicht aus wie meine Mutter damals aussah?“

Nun war das Lachen an der Alten.

„Ach freilich, freilich, Kind, accurat so! Wo dachte ich auch hin? Und die Sprache, wie Sie sich ’rumdrehen und alles! Sehen Sie, gleich wie ich aus der Schule kam, wurde ich bei ihr Kindermädchen; ich habe sie auf meinen Armen groß getragen, dann nachher war ich Zimmermädchen auf dem Gute. Als sie zum erstenmal zu Gottes Tische ging, da habe ich ihr das schwarze Kleid angezogen und an ihrem Hochzeitstage Kranz und Schleier gesteckt; ach, was war sie eine schöne Braut! All’ die Jahre daher habe ich mich gesehnt, sie einmal wiederzusehen. Nun sagte mir neulich der alte Herr, der die Wohnung hier gemietet hat, daß der Herr Vater tot ist und daß sie hierhergezogen ist, weil es ihr schlecht geht. Na, dachte ich, da mußt du hin, Trude, da mußt du hin! Ach, nicht wahr, Fräulein, ich darf mit meiner alten Herrschaft sprechen?“

Es wurde der Martha feucht in den Augen und weich um das Herz; sie war sich eben noch so grenzenlos verlassen vorgekommen, setzt sah sie wieder ein wenig Licht und Hilfe. Sie ging hinein zur Mutter: „Mama, deine alte Trude ist da; nicht wahr, du läßt sie hereinkommen? sie würde sonst zu traurig sein.“

Frau Feldwart sah erst sehr erschrocken aus; aber all’ ihre Jugenderinnerungen wurden lebendig; Trudens Güte und Treue spielte darin eine große Rolle. Nein, die konnte sie nicht abweisen — sie nickte still und traurig mit dem Kopfe.

Trude setzte ihre Kiepe in der Küche nieder, breitete sorgsam ihren dunkelblauen Mantel darüber und trat ins Zimmer. Frau Feldwart wollte ihr entgegengehen.

„Ne, bleiben Se sitzen, bleiben Se ruhig sitzen, mein liebes Fräulein Riekchen, und nehmen Sie es nicht für ungut, daß ich komme. Ich hörte, daß der liebe Gott Sie so geprüft hat, und da mußte ich doch ’mal nach Ihnen sehen. Wenn Sie als kleine Krabbe zu mir geweint kamen, da konnte ich Sie wohl leichte trösten, und jetzt mag das ja schwer sein; aber unsereiner kann doch sagen, daß man Anteil nimmt, und solche alte Bekannte, wie wir sind, die sprechen sich doch gern ’mal aus.“

Frau Feldwart reichte der Alten die Hand und winkte ihr, sich zu setzen: „Ja, Trude, wir sind sehr unglücklich geworden.“