Verfasserin.
Inhalt.
Seite | ||
1. | Einleitung | |
2. | Jugendsonnenschein | |
3. | Sturm | |
4. | Not und Sorgen | |
5. | Suschen von drüben | |
6. | Die Urgroßmutter | |
7. | Muß man denn immer im Streit sein auf Erden | |
8. | Schwerer Abschied | |
9. | Bei Werners | |
10. | Noch eine neue Schule | |
11. | Auf eigenen Füßen | |
Schluß | ||
1.
Einleitung.
Die Adventszeit hatte begonnen. Am Morgen war der erste Schnee gefallen; jetzt erglänzte der Abendhimmel klar und rein; die mit den feinen Krystallen des Rauhreifs geschmückten Zweige hoben sich scharf ab von seinem leuchtenden Hintergrunde; vom nahen Rain herüber hörte man die Stimmen jubelnder Kinder, die zum erstenmal in diesem Jahre auf ihren Handschlitten die rasche, immer aufs neue beginnende Reise machten, vom Hügel zur darunter liegenden Wiese. Am Ende einer Lindenallee, die mit ihren feinen Zweigen ein besonders strahlendes Bild in der lichten Landschaft abgab, wenige Minuten nur von der kleinen Stadt entfernt, öffnete sich jetzt die Thüre eines großen, grauen Hauses, und mit leisem, fröhlichem Geplauder erschienen auf der Schwelle etwa 20 bis 25 jugendliche Gestalten, einige schon jungfräulich erscheinend, andere noch in der Kindheit stehend. Sobald sie die breite Freitreppe verließen, war es, als sei ein Trupp gefangener Vögel in Freiheit gesetzt worden: die älteren wanderten paarweis oder zu dreien plaudernd dahin; die jüngeren versuchten zu schlittern, und hie und da griff eine mit etwas scheuem Seitenblick nach den Fenstern des Hauses wohl auch nach einem Schneeball, eine fröhliche Kanonade zu beginnen. Da hörte man etwas lauter als gewöhnlich eine schlanke Blondine sagen: „Kinder (Kinder ist eine sehr oft gebrauchte Anrede zwischen Backfischen), sie ist reizend!“ Als ob das Signal zum Sammeln geblasen wäre, so flogen jetzt die Köpfe aller größeren Mädchen nach der Seite der Sprecherin; sie stand sofort von einem dichten Kreis umgeben, aus welchem immer wieder die Ausdrücke: „Entzückend! einzig! süß! zu lieb!“ zu hören waren.
„Ja“, rief eine kleine runde Braune, „es giebt nur eine Fräulein Feldwart. O, wie ist sie liebevoll! und so anmutig! Stundenlang kann man ihr mit Spannung zuhören; bei der alten Fräulein Klug wurde ich immer in der ersten Viertelstunde müde!“
„Was weiß sie alles“, rief eine andere, „wie erzählt sie, wie schön singt sie!“
Der Gegenstand dieser Begeisterung war die neue Lehrerin, Martha Feldwart, welche seit Ostern in die Schule der Frau W., für die alte, gebrechlich gewordene Fräulein Klug, eingetreten war.
Jetzt öffnete sich die Hausthüre noch einmal, und die schwärmerisch Verehrte erschien auf der Schwelle, in der Hand den Regenschirm und die Mappe mit den Zeichnungen, Noten und Büchern. Es war eine leichte, schlanke Gestalt, mit einem feinen, ein wenig blassen Gesichte, dessen dunkle Augen in lieblicher Freundlichkeit leuchteten, als die jungen Mädchen sie umdrängten, und von allen Seiten die Bitte ertönte: „Ach, lassen Sie mich Ihren Regenschirm tragen! Ihre Mappe, Fräulein Feldwart!“
„Laßt es mir nur“, sagte sie mit angenehmer, herzlicher Stimme, „ich kann es ja doch nicht allen zugleich geben.“