„Aber jeder ein kleines Stück, bitte, bitte!“ fing der Chor noch einmal an, und die Kühnsten hatten sich schnell in Besitz der fraglichen Gegenstände gesetzt.
„Trugt ihr Fräulein Klug auch immer die Mappe nachhaus?“ fragte Fräulein Feldwart.
Die Kinder blickten sich an mit wunderlichen Gesichtern; endlich sagte eine: „Ach, das hätten wir gar nicht gewagt; sie sah immer so böse aus, Fräulein Feldwart!“
„O“, erwiederte diese ernst, „sie ist gewiß immer recht müde und matt gewesen, die Arme! Wie schwer mag ihr der Unterricht bei ihren Schmerzen in letzter Zeit geworden sein. Nun hört! bis an die Ecke der Schustergasse dürft ihr mir die Sachen tragen, — wenn ihr es durchaus wollt; dann gebt ihr sie mir ohne Widerrede und laßt mich alleine nachhause gehn.“
Wenn Fräulein Feldwart so bestimmt sprach, war ihr nichts abzuhandeln, gar nichts! das wußten die Kinder. Die Schustergasse war schnell erreicht, und mit herzlichem Gruße trennten sich Lehrerin und Schülerinnen.
„Warum wir nicht weiter mitkommen sollen?“ fragte die kleine braune Helene.
„Ich glaube, ich weiß es“, rief die blonde Eva, „es ist von wegen der Klug, die wohnt mit ihr in einem Hause!“
„Hört!“ fing jetzt Agnes mit leuchtenden Augen an, „mir fällt eben etwas zu Schönes ein; sie ist noch so fremd hier; wir müssen ihr zu Weihnachten ein Bäumchen putzen, und jede von uns hängt eine kleine Arbeit daran.“
Begeisterung und Zustimmung von allen Seiten! Welch neuer Stoff zur Unterhaltung! An jeder Straßenecke gab es vor der Trennung noch eine lange Konferenz, und den Müttern wurde zuhause kaum Zeit gelassen, sich nach der ungewöhnlichen Verzögerung des Heimwegs zu erkundigen. Bevor noch das sonst so ersehnte Vesperbrot angerührt wurde, waren sie überschüttet mit den schönen Weihnachtsplänen, und die meisten von ihnen, froh über den beglückenden Einfluß der jungen Lehrerin, boten gerne die Hand zu ihrer Ausführung.
Indessen hatte Martha Feldwart das bescheidene Haus erreicht und die beiden Treppen erstiegen, welche zu ihrer einfachen Wohnung führten. Angenehm überrascht blieb sie einen Augenblick auf der Schwelle stehen; das Feuer im Ofen brannte schon und verbreitete eine behagliche Wärme; der Kaffeetisch war gedeckt, und die kleine Kanne stand in der Ofenröhre. „Die gute Fräulein Klug!“ rief die Eintretende gerührt, „da hat sie ’mal wieder alles für mich gethan, trotz ihrer steifen Glieder!“ Kaum hatte sie Hut und Mantel abgelegt, da eilte sie den Korridor entlang zum Stübchen der alten Kollegin, ihr Gruß und Dank für ihre Mühe und Sorgfalt zu bringen.