Es war eine krumme, gebeugte Gestalt mit einem Angesichte voller Runzeln und Falten, die dort im Lehnstuhl ruhte, und da sie viel an Gliederschmerzen litt, trugen ihre Züge einen leidensvollen, grämlichen Ausdruck; aber aus den Augen leuchtete es doch freundlich, als sie ihrer jungen Nachfolgerin die welke Hand entgegenstreckte: „Ich bin ja froh, Fräulein Marthchen, wenn ich noch ’mal was thun darf“, erwiderte sie auf Marthas warmen Dank.
„Sie sollten herüber kommen und den Kaffee mit trinken!“ bat diese.
„Lassen Sie mich, liebes Kind! ich habe eben eine Lage gefunden, in welcher ich es ohne Schmerzen aushalten kann, und Sie müssen ja doch dann Hefte korrigieren; da können Sie keine Gesellschaft gebrauchen.“
„Ich sehe aber nachher noch einmal herein und helfe Ihnen ins Bett; das darf ich doch?“
„Gewiß“, lächelte die Alte, und die Jüngere kehrte in ihr ungemein sauberes, gemütliches Zimmer zurück.
„Ich will mir doch morgen Wolle mitbringen zu einem Tuch für sie“, sagte sie leise.
Schöne Adventszeit! Das Christkind ist nicht weit; seine Liebe dringt durch Paläste und Hütten, seine dienstbaren Geisterchen gehen von Haus zu Haus, von Herz zu Herz, erwecken Liebesgedanken, entzünden zu Liebesthaten: groß und klein, und alt und jung. Gar so schnell eilten Tage und Stunden dahin für alle die emsig schaffenden Hände; der Christabend erschien, bevor man sich dessen versah. Es war kein freundlicher Tag mit strahlendem Sonnenschein über der weißgekleideten Erde. Vom Morgen an tanzte der Schnee durch die Luft in so dichten Flocken, daß man kaum wenige Schritte weit sehen konnte; der Wirbelwind jagte ihn, schlug ihn an die Fensterscheiben, und trieb ihn den mühsam dahinschreitenden, vermummten Gestalten ins Gesicht, welche ihre letzten Weihnachtsbesorgungen machen wollten; er warf an den Straßenecken Schneeberge auf, als wollte er allen Verkehr hindern und hemmen; er entführte die leinenen Wände der Buden auf dem Weihnachtsmarkte, und dort an der Ecke, wo sie seiner Gewalt am meisten ausgesetzt waren, stürzten mit großem Krachen zwei Honigkuchenbuden um; der Besitzer schimpfte und rieb sich die Glieder, die etwas getroffen worden waren. Mit großem Hallo! und Heisa! eilte die Straßenjugend herbei, wühlte im Schnee und suchte verunglückte Honigkuchenmänner, Pfeffernüsse und Bonbons darunter hervorzuziehen. Der Mann wehrte, seine Frau drohte, aber es war ja Weihnachten! Ein sehr schlimmes Gericht erging nicht über die Eindringlinge, und manches arme Kind hielt in den kalten dunkelroten Händchen mit strahlendem Angesichte ein süßes Beutestück. Auch Martha hatte sich gegen Abend wohl vermummt noch einmal hinausgewagt mit einem Korb am Arme. Ihre Waschfrau war krank gewesen und erst seit wenigen Tagen wieder außer Bett; ihr trug sie etwas Lebensmittel und selbstgestrickte Müffchen und Strümpfe für die Kinder hin; viel konnte sie nicht erübrigen von ihrem kleinen Gehalt, aber es war ja Weihnachten! da mußte sie auch die Freude des Schenkens haben. Sie fand die Familie um ein Tannenbäumchen versammelt, an dem wenige Äpfel und Nüsse hingen und ein paar kleine Lichter brannten. Mit Jubel wurden ihre Gaben empfangen, und die Danksagungen aller folgten ihr, als sie von da den weiteren Weg zum Vespergottesdienst antrat. Es war ein rechtes Kämpfen gegen Sturm und Wetter; aber es war ja Weihnachten! Von rechts und links, aus kleinen Gassen und breiten Straßen eilten mit fliegenden Mänteln und Kleidern alte und junge Gestalten herbei, und als die kleine Kirche mit den lichtübersäeten, liliengeschmückten Weihnachtsbäumen die Wanderer in ihren Friedenshafen aufnahm, als ihnen entgegenklang: „Dies ist die Nacht, da mir erschienen des großen Gottes Freundlichkeit; das Kind, dem alle Engel dienen, bringt Licht in meine Dunkelheit, und dieses Welt- und Himmelslicht weicht hunderttausend Sonnen nicht“; — da verstärkte der Gegensatz von drinnen und draußen das selige Gefühl, beim Christkind geborgen zu sein vor allem Weh und allem Leid des Lebens. Auch in Marthas empfängliches Herz drang der Strahl der Weihnachtssonne, auch sie empfand tief das: „Siehe, ich verkündige Euch große Freude!“ und erhoben und erquickt trat sie den Rückweg an. Er war weit leichter als der Hinweg; denn, als hätte auch der Sturm die Nähe dessen gefühlt, dem Wind und Meer gehorsam sind: es war ganz stille geworden draußen. Der Mond war durch die Schneewolken hindurchgebrochen; in seinem milden Lichte glänzten festlich die weißen Straßen und Dächer; hin und wieder ward jetzt ein Fenster hell und die Lichter des Christbaumes warfen ihren Schein hinaus auf die Straße. „Es ist doch schade, daß ich mir kein Weihnachtsbäumchen geschmückt habe“, dachte Martha als sie die enge, wohlbekannte Treppe hinaufstieg. Sie zündete ihre Lampe an und wollte eben das vollendete Tuch für die alte Nachbarin aus der Kommode nehmen, da hörte sie Flüstern und Schritte auf der Treppe; sie öffnete die Thüre, um zu leuchten, aber der Schein einer Laterne glänzte ihr entgegen, eine kleine weiße Hand schloß energisch die Thüre und eine liebliche junge Stimme sprach: „Ruhig drin geblieben, sonst bläst Ihnen das Christkind die Augen aus!“ Dann erklang, von wohlbekannten Stimmen gesungen, ihr Lieblingsvers:
„Fröhlich soll mein Herze springen
Dieser Zeit, da vor Freud’
Alle Engel singen;