Hört, hört wie in vollen Choren

Alle Luft laute ruft:

Christus ist geboren!“

Dann öffnete sich die Thüre, und welcher Anblick war schöner? Der grüne zierliche Baum mit brennenden Lichtern, goldenen Sternen und lieblichen Rosen, oder die hellen Augen, die von der Kälte geröteten Wangen und strahlenden Gesichter ihrer heißgeliebten Kinder? Die Thränen stiegen der Überraschten in die Augen; sie wußte selbst nicht, was ihr Herz jetzt am meisten bewegte; die himmlische oder die irdische Weihnachtsfreude, und sie konnte anfangs gar nichts weiter sagen, als: „Meine Kinder! meine lieben Kinder!“ und eine der zarten Mädchengestalten nach der andern in ihre Arme und an ihr Herz ziehen. Aber diese wünschten jetzt noch etwas anderes. Martha sollte auch die Arbeiten ihrer fleißigen Hände bewundern und sich über jedes der kleinen Geschenke einzeln freuen. Sie that es so gerne, aber mitten in dem fröhlichen Betrachten durchzuckte sie der Gedanke: „Ach, meine Klug! meine arme Klug!“ und die Kinder wußten nicht, warum sie auf einmal so still und nachdenklich zwischen ihnen stand und ein so wehmütiger Schatten über das Angesicht flog, dessen wechselnden Ausdruck ihre kindliche Liebe sonst so wohl verstand.

„Liebe Kinder“, sagte Martha endlich: „Wollt ihr mich nun ganz, ganz glücklich machen?“ Aller Augen hingen voll Spannung an ihren Lippen. „Seht, neben mir wohnt Fräulein Klug. Die hat nicht nur euch, sondern schon vor euch, euere Mütter unterrichtet und hat viel, viel mehr Anspruch auf euere Dankbarkeit als ich. Nichtwahr, wir tragen ihr das Weihnachtsbäumchen hinüber? Was gar nicht für sie paßt, das nehme ich mir herunter; aber die warmen Müffchen und den Ohrenwärmer und einiges andere, das lassen wir hängen; ist’s euch so recht?“ Ach nein! es war ihnen gar nicht recht; sie sahen recht niedergeschlagen und traurig aus. „Sie sorgt für mich, wie eine Mutter, und (hier wurde Marthas Stimme unsicher) ich werde auch ’mal alt und kränklich sein.“

Da wurde es unruhig in den jungen Herzen und Gewissen, und als die blonde Eva schüchtern sagte: „Ja, wenn es Ihnen so die meiste Freude macht, Fräulein Feldwart“, da stimmten die andern getröstet ein.

Die Jugend ist elastisch; die Kinder halfen nun selbst auswählen, was hier bleiben und was hinüber gebracht werden sollte, und gingen gern auf Marthas Wunsch ein, daß vor Fräulein Klugs Thüre nicht nur der erste Vers des schönen Weihnachtsliedes, sondern auch der siebente und der neunte gesungen werden sollte. Das wurde denn auch sehr schön ausgeführt; denn Marthas klare, sichere Stimme leitete den Gesang. „Faßt ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.“ Das war der Schluß. Drinnen war es ganz still geblieben. Leise klopfte Martha und öffnete vorsichtig; da stand Fräulein Klug mitten im Zimmer, hielt sich an die Lehne ihres Stuhles; gewaltiger Kampf war in ihren Zügen, aber mit finster abweisendem Blicke sah sie auf die Kinder und den geschmückten Baum. Es fühlten in diesem Augenblick alle, Martha am tiefsten, daß sie der Einsamen ein zweifelhaftes Glück bereiteten, und keines konnte sogleich eine passende Anrede finden.

Fräulein Klug zeigte mit ihren dünnen Fingern auf Martha: „Sie hat es euch gesagt, und der Baum ist für sie, und in euere Gedanken ist das nicht gekommen!“

Die arme Martha wurde blaß und rot und kämpfte mit den Thränen; konnte denn, was der heiße Wunsch ihres Herzens ihr schneller eingegeben hatte, als sie sonst Entschlüsse zu fassen pflegte, wirklich so schlimm sein in seiner Wirkung? Wie schwer ist es, in solchen Lagen das befreiende Wort zu finden! Mitunter lehrt es die Liebe.

Evas Auge hatte fest an dem Gesicht der geliebten Lehrerin gehangen; jetzt zog tiefes Rot über ihre Wangen, sie trat zu Fräulein Klug, und sagte mit inniger Stimme: „Es war freilich sehr schlimm, liebes Fräulein, daß es uns erst gesagt werden mußte, wir wissen aber jetzt, daß wir sehr undankbar gewesen sind! Bitte, vergeben Sie es uns am heiligen Weihnachtsabend und nehmen Sie unser Bäumchen freundlich an, von uns oder von Fräulein Feldwart, von wem Sie es lieber wollen.“