Da ging eine große Bewegung über das alte Gesicht: „Nein, Kinder! das Bäumchen, das habt ihr für Martha geputzt; das soll ihr Stübchen schmücken in den Feiertagen; ich komme schon hinüber und sehe es mir an; aber singt mir dann das schöne Lied noch einmal; das wird mir wohlthun.“
Der milde Ton ermutigte die Kinder, sie wurden jetzt ganz eifrig im Zureden: „Aber die Honigkuchen müssen Sie nehmen; meine Mutter hat sie selbst gebacken, und Fräulein Feldwart hat die andere Hälfte!“
„Und die Müffchen!“
„Und die warmen Handschuhe!“
Das alte Herz war erweicht; dies und jenes nützliche Stück blieb in ihren Händen; teils konnte sie den bittenden Kinderaugen nicht widerstehen, teils nahm sie es ihrer jungen Gefährtin zuliebe. Nun ward das schöne Lied noch einmal gesungen, das alte Fräulein gab ernst aber freundlich jedem Kinde die Hand; der Tannenbaum wurde wieder in Marthas Zimmer getragen; dann eilte das junge Voll nachhause, dem eigenen Weihnachtsbaum und der Bescherung der Eltern entgegen.
Martha aber ging mit ihrem Tuche noch einmal zu ihrer alten Freundin hinein. Als sie es ihr um die Schultern legte, fiel aus dem jungen Auge eine Thräne auf die alte runzelige Hand. Sie sprachen beide nicht; Martha setzte sich auf einen Schemel der Alten zu Füßen; diese legte ihre Hand auf den reichen braunen Scheitel und erst nach einer Weile sagte sie: „Ich war recht schlecht; es war ja so natürlich, und Sie meinten es so gut, Marthchen! Aber es ist auch schwer, wenn man einmal jung war und tüchtig und geliebt, und nach und nach fühlt man, daß die Kräfte schwinden, und daß man seinen Platz nicht mehr ausfüllen kann! Wenn man dann beiseite geschoben wird und vergessen, da giebt es einen harten Kampf um Demut und Geduld und um Liebe! Gott schenke Ihnen ein leichteres Los, mein liebes Kind!“
Marthas Herz war zu voll zum reden; der Mond schien ins Zimmer; sie saßen beide eine Viertelstunde still in seinem milden Lichte; da hörte Martha die alte Freundin leise sagen: „Faßt ihn wohl, er wird euch führen an den Ort, da hinfort euch kein Kreuz wird rühren.“ Sie merkte, daß ihre Seele dahingegangen war, wo man des Menschentrostes gern entbehrt und am liebsten allein ist; so ging sie hinüber in ihr Stübchen.
Die Lichter am Tannenbaum brannten noch; sie waren aber sehr kurz geworden; mitunter entzündeten sich einzelne Tannennadeln und sandten ihren einzigen, lieben Weihnachtsduft durch das Zimmer. Wem bringt dieser Duft nicht die süßesten Bilder aus seiner Jugendzeit mit? Martha saß mit gefalteten Händen, ihr Herz war bewegt. Süße und schmerzliche Gedanken zogen durch ihre Seele; die Erinnerungen ihres ganzen Lebens gingen an ihrem inneren Auge vorüber. Die Gedanken haben schnellere Flügel als Wolken und Winde; eine kurze halbe Stunde genügte für die Reise durch ihr Leben. Wir, meine liebe junge Leserin, gebrauchen längere Zeit, wenn wir sie auf derselben begleiten wollen, und ich bitte dich dazu um deine freundliche Aufmerksamkeit und um ein wenig Geduld.
2.
Jugendsonnenschein.
Im Herzen einer deutschen Residenzstadt lag das stattliche Haus des Kommerzienrat Feldwart. Es erschien nicht als Palast, sondern als geräumiges Wohnhaus; es war von außen nicht überladen mit Schmuck, aber geschmackvoll und harmonisch in seinen Formen. Hinter den hohen hellen Spiegelscheiben fielen reiche Gardinen herab, dazwischen erblickte man prächtige, ausländische Gewächse mit ihrem mannigfachen Grün, und wer den Hausflur betrat, dem sagte die feine Mosaikarbeit des Fußbodens, die köstlichen bronzenen Flurlampen, von Statuetten gehalten, der weiche Teppich, der die Stufen der Treppe bedeckte, das stilvolle Geländer aus Schmiedeeisen und die schweren, eichenen, polierten Thüren an beiden Seiten, daß er sich im Hause des Reichtums befand. Dies schöne Haus ward bewohnt von dem wohlwollend aber ernst aussehenden Hausherrn, seiner etwas starken aber elegant und vornehm erscheinenden Frau, und Martha, der einzigen Tochter beider, dem schönen, fröhlichen und klugen Mädchen, das noch nicht lange aus den Kinderschuhen herausgetreten war, und, wie man es zu nennen pflegt, diesen Winter in die Welt eingeführt werden sollte. Ja, wollte denn Martha wirklich in die Welt? War sie ein Weltkind, das nur am Irdischen Freude fand? O nein! Marthas Seele war jedem höheren geistigen Interesse offen; die Eltern hatten sich bemüht, ihr die besten Lehrer zu geben, die wertvollsten Bücher in ihre Hände zu legen; wo es etwas Nützliches und Gutes zu hören gab, da mußte Martha dabei sein, und als die Zeit ihrer Einsegnung gekommen war, war sie einem treuen Seelsorger anvertraut worden; dem war es, da sein eigenes Herz in aufrichtiger Liebe zu Gott und dem Heilande brannte, leicht geworden, in dem empfänglichen Kinderherzen die gleiche Flamme anzufachen. Martha ging, auch nachdem sie den Unterricht verlassen hatte, gern und freudig zur Kirche; sie las andächtig in Gottes Wort und ihren schönen Erbauungsbüchern, sie sang mit Begeisterung fromme, geistliche Lieder und hob mit kindlichem Sinne morgens und abends ihre Hände betend auf. Aber Martha ging auch eben so gern ins Konzert und Theater, Martha zog sich auch gern hübsch an und hatte Geschmack darin, schnell auszuwählen, was für sie paßte; denn stundenlanges Beschäftigen mit Toilettengegenständen war ihre Sache eben nicht; Martha tanzte auch gerne. Es war so sehr der natürliche Ausdruck der Jugendkraft und Jugendlust, wenn sie nach dem Rhythmus der Musik durch den glattgebohnten Saal flog, und es brauchte zu ihrem Vergnügen gar kein Ball zu sein; wenn die Mutter einen Walzer spielte, nahm sie ihr kleines, weißes Seidenhündchen auf den Arm und tanzte fast mit noch größerer Lust durch das Zimmer, wie in der größten Gesellschaft.