Sie mußte auch in ihrer Art fleißig sein, denn ihre Zeit war sehr besetzt; es gab noch französische und englische Stunde; einen italienischen Abend, Klavier- und Singunterricht, Gesangverein, Vorlesungen, Lesekränzchen, Proben und Konzerte — jeden Tag etwas anderes. Dazu kam eine angenehme Geselligkeit. Langeweile kannte sie nicht; es war ihr nur zuweilen, als ob dies vielerlei sie abhielte, das einzelne so gründlich zu treiben, wie sie es gerne gethan hätte; aber Gott hatte ihr einen klaren Kopf, gute Anlagen und frische Kräfte gegeben, und so schwamm sie doch eigentlich in den Wellen dieser verschiedenen Eindrücke wie ein Fischlein im Wasser oder ein Vogel in der Luft, mit glücklichem Herzen und fröhlichem Angesichte; brauchten ihr doch all die Arbeiten und Mühen des alltäglichen Lebens, die man zusammen Wirtschaft nennt, keine Sorge zu machen; die ruhten sicher in den Händen einer wohlgeschulten Dienerschaft und waren in den behaglichen Wohnzimmern, in denen sich Martha bewegte, nur wenig zu merken. Der einzige Wunsch, der ihrem jungen Herzen unerfüllt geblieben, war der: o, hätte ich doch Geschwister! Sie hatte Bekannte, viele Bekannte; sie nannte sie Freundinnen; aber sie hatte ein Gefühl davon, die wahre Freundschaft müßte noch anders, noch tiefer und reicher sein. O, dachte sie oft: eine Schwester, ein Bruder wäre mehr als sie alle!
Der Vater Feldwart war oft sehr versunken in seine Geschäfte, die Mutter eine stille, bequeme Dame; da war ihr der Wunsch nach jugendlicher Gesellschaft nicht zu verdenken und siehe, seit einigen Jahren war auch diese ins Haus gekommen und hatte ihr einen großen Zuwachs an Lebensfreude mitgebracht. Der Vater hatte einen einzigen Jugendfreund gehabt, einen Doktor Kraus; der war Arzt in einem Provinzialstädtchen und lebte dort, seit Gott ihm seine Frau genommen, ganz der Erziehung seines einzigen Sohnes Siegfried. So lange er rüstig war, hatte er sich jedes Jahr einige Wochen frei gemacht und sich an irgendeinem schönen Ort im Gebirge, bald im Harz, bald im Thüringer Wald, bald im Schwarzwald, mit der Feldwartschen Familie zur Sommerfrische vereinigt, und dies war für beide Freunde, sowie für ihre wilden fröhlichen Kinder stets eine ersehnte und genußreiche Zeit; der schlank aufgeschossene Siegfried war dann der Ritter der kleinen Martha, und da er um 6 Jahre älter war als sie, galt er als ihr Beschützer auf allen Wegen. Aber schon seit Jahren hatte Herr Kraus nicht mehr reisen können; ein schweres inneres Leiden fesselte ihn zuerst ans Haus, dann an sein Lager, und niemand wußte besser als er, daß es ihn seinem Ende entgegen führte. Sein Freund Feldwart hatte ihn auf seinem Schmerzenslager noch einmal besucht und ihm das Versprechen gegeben, sich nach seinem Tode des verwaisten Sohnes anzunehmen. Als nun das erwartete Ende eintrat, erhielt Herr Feldwart mit der Todesnachricht zugleich ein Schreiben des Entschlafenen, welches die Pläne und Wünsche desselben für die fernere Laufbahn seines Siegfried enthielt. Ein Bruder des Doktor war als junger Mann nach Amerika gegangen und hatte dort in Missouri verschiedene landwirtschaftliche Etablissements und Fabriken angelegt. Er war ein sehr begüterter Mann, und da er unverheiratet geblieben war, wünschte er dringend, daß Siegfried zu ihm kommen, ihm in seiner Thätigkeit beistehen und schließlich sein Erbe werden möge. Für den jugendlichen Siegfried, so ungern er sich von seinem Vater trennte, hatte die Aussicht auf dies fremde Land und die unbekannten Verhältnisse etwas Verlockendes; Herr Kraus fühlte, daß seine Lebenszeit bald verflossen sein würde, er konnte Siegfried nur ein kleines Erbe hinterlassen; so machte er nur die Bedingung, daß dieser erst seine Ausbildung in Deutschland vollenden, einen praktischen Kursus in der Landwirtschaft durchmachen, seiner Militärpflicht genügen und einige Jahre in der Hauptstadt Kollegien über Physik, Chemie und andere dahin einschlagende Wissenschaften hören sollte. Die praktische Landwirtschaft hatte er noch beim Leben seines Vaters erlernt; seit dem Tode desselben war er in B., und wenn er auch nicht bei Feldwarts wohnte, brachte er doch fast alle seine freie Zeit daselbst zu; und wie er sich mit Martha als Kind gejagt hatte und mit ihr über den Graben gesprungen war, so teilte er nun gern ihre ernsteren Beschäftigungen, las mit ihr gute englische und deutsche Bücher, begleitete ihre liebliche Singstimme auf dem Klavier, oder mit seinem kräftigen, gut geschulten Baß. Die Eltern wurden es kaum gewahr, daß aus den Kindern Leute geworden waren, und sie selbst hatten bis dahin einen so geschwisterlichen Ton, wenn sie zu einander sprachen, daß sowohl die Dienerschaft des Hauses, als auch die Freunde desselben den unbefangenen Verkehr durchaus natürlich fanden.
Seit dem Frühjahr hatte Siegfried seine Studien vollendet, machte sein Militärjahr durch und kam nach dem Manöver als braungebrannter, wohlbestallter Unteroffizier bei Feldwarts an. Martha empfing ihn höchst fröhlich. Wenn ihm auch das Dienstjahr weniger freie Zeit ließ, — einige Mußestunden gab es immer, und sie hatte ihm soviel mitzuteilen — soviel neue Bücher, soviel schöne Lieder, die sie nun mit ihm zusammen einstudieren wollte. Auch Frau Feldwart war ganz die Alte; aber nicht ohne Grund hingen ihre Augen zuweilen mit Besorgnis an den welken, eingefallenen Zügen und matten Augen ihres Mannes. Er klagte nicht viel; er mochte nicht einmal leiden, daß man über seinen Zustand sprach. Der Arzt sagte: „Er hat angegriffene Nerven, er muß ins Seebad!“
Der Kranke lächelte grämlich: „Ich werde alt, das ist alles!“
Martha hatte noch nichts Schweres erlebt; sie tröstete sich: Es wird schon wieder anders werden! Für jetzt kam die schöne Adventszeit, brachte Arbeit für ihre Hände und freundliche Beschäftigung für ihre Gedanken; wenn Siegfried Kraus kam, hatte sie ihm immer allerlei neue Pläne mitzuteilen oder kleine Aufträge zu geben.
„Sehen Sie nur, Siegfried!“ sagte sie eines Abends, „Mama hat mir nun wirklich die schöne Rokoko-Kommode von der Urgroßmutter geschenkt, die ich so lange schon gern haben wollte; ich habe all meine kleinen Überraschungen eingeräumt. Dabei habe ich noch eine Menge Briefe, Papiere und Stammbuchblätter gefunden; auch auf ganz gelbem Papier ein Weihnachtslied; das können wir gleich zusammen einüben!“
Wann hätte jemals Siegfried „Nein!“ gesagt, wenn sie um etwas bat? Das Lied wurde zweistimmig gesungen und klang gar rein, frisch und andächtig von den jungen Stimmen. Am heiligen Abend kam Siegfried zeitig; Frau Feldwart hatte noch in der Bescherstube zu thun, der Kommerzienrat im Geschäft.
„Wie werde ich übers Jahr Weihnachten feiern“, fragte Siegfried ernst.
Marthas Herz wurde ganz schwer, und in ihren Augen standen Thränen. Sie hatte die Trennung nur immer in weiter Ferne gesehn, hatte vielleicht auch heimlich gehofft, es sollte noch etwas dazwischen kommen; nun war sie so nah! Es kam ihr vor, als wären auf einmal alle Blumen in ihrem Garten verhagelt; sie konnte sich gar kein Leben mehr denken ohne Siegfried. Aber am heiligen Weihnachtsabend durfte man doch nicht weinen. „Kommen Sie, Siegfried!“ sagte sie, „ehe die Eltern fertig sind zur Christvesper, können wir noch einmal Urgroßmutterchens Lied singen!“
Sie sangen: