Martha stand jetzt neben Direktor Werner, und er fing sogleich ein Gespräch mit ihr an, das sie neben ihm festhielt. Er fragte nach ihrer Ausbildung, ihren Lehrern, nach dem Gange ihres Unterrichtes, und fuhr dann fort: „Ich stelle dies Examen absichtlich mit Ihnen an, Fräulein Martha. Meine Frau und ich möchten so gern ein Mittel finden, um Ihre Lage zu erleichtern. Ich weiß wohl, daß Sie bei dem jetzigen Zustande Ihrer lieben Mutter nicht daran denken können, Ihr Examen zu machen und eine Stelle als Lehrerin anzunehmen; aber es ist eine ganze Anzahl junger Mädchen hier, die eine englische Konversationsstunde dringend wünschen; mein Suschen und die Töchter dort vom Amt sind auch dazwischen; ebenso suchen wir für Luise und ihren Bekanntenkreis Unterweisung im Zeichnen und Malen; würden Sie bereit sein, beides zu übernehmen? Ein Honorar wollte ich Ihnen schon ausmachen; es würde immerhin eine Hilfe für Ihre Kasse werden.“

Martha sah ihn fröhlich an: „Wenn es meine Mutter erlaubt, thue ich das sehr gern; besonders wenn Sie mir behilflich sind, passende Lektüre zu finden.“

Er versprach es, und Martha war glücklich. Sie hatte noch nie daran gedacht, daß sie imstande sein könne, etwas zu verdienen; der Gedanke war zu schön; sie schwärmte sich mit Suschen beinahe wie die berühmte Milchfrau in sehr schöne Zukunftsträume hinein, so daß beide, im Wäldchen angelangt, erst aus ihrem Phantasiehimmel heruntergeholt werden mußten, bevor sie die lieblichen Frühlingskinder erblickten, die wie eine reiche Stickerei aus dem dunklen Moosteppich hervorglänzten.

Frau Feldwart war am Abend nicht so leicht für die neuen Pläne zu begeistern; sie war zuerst entsetzt über die Idee, daß Martha etwas verdienen sollte, und klagte hart ihr Schicksal an; aber sie kannte den Ernst ihrer Lage, und die große Freudigkeit ihres Kindes besiegte sie zuletzt.

Nach einigen Tagen kam Suschen strahlend; der Direktor hatte die Taubenkarte nach M. geschickt; sie hatte dort Beifall gefunden, und Martha erhielt den Auftrag, mehr solcher Karten zu malen, unter Bedingungen, die immerhin einigen Vorteil versprachen — lauter tröstliche Aussichten!

6.
Die Urgroßmutter.

In den ersten Wochen ihres Aufenthaltes in H. hatte das Befinden der Mutter Marthas Sorge so in Anspruch genommen, daß der Gedanke, sie auch nur auf Stunden zu verlassen, gar nicht aufkam.

Suschen hatte schon öfter von den schönen Gottesdiensten in der nahen Pfarrkirche und ihrem lieben Pastor erzählt. Jetzt klangen die Glocken so feierlich herüber und luden zur Fastenkirche.

„Mama, möchten wir nicht auch einmal hingehen?“

„Gehe du, Martha, ich kann noch nicht unter Menschen!“