Nach dem Kaffee eilte alles in den großen Garten, dessen feiner Rasen im ersten Grün schimmerte, um am Rain und im Gebüsch nach Veilchen zu suchen.
Hier wartete Trude: „Nun, Fräulein Martha, nun kommen Sie ’mal mit, nun will ich Ihnen zeigen, wo die Mutter groß geworden ist; die Frau Amtsrätin wollte es selbst thun, aber ich habe so lange gebeten, bis sie es mir erlaubte; ich weiß das ja doch natürlich noch viel besser! So? Fräulein Werner will auch mit? Na, meinetwegen.“
Das Haus, wo Amtsrat Rösner wohnte, war ein Anbau, den er sich selbst erst eingerichtet, da ihm das alte Wohnhaus zu kühl und düster erschienen war; in dieses führte jetzt Trude die beiden Mädchen.
„Sehen Sie, hier, was jetzt die große Wirtschaftsstube ist, das war der Saal; da ist die Hochzeitstafel gewesen, als der Herr Vater mit der Frau Mutter getraut worden waren, und hier, wo jetzt die Stube vom Inspektor ist, da war die beste Wohnstube; Sie können hineinsehen, er ist draußen beim Bestellen. Da über dem Flur drüben das war dem Großvater seine Arbeitsstube, die hat jetzt Mamsell Hannchen. Und nun kommen Sie ’mal mit die Treppe hinauf.“
Im oberen Stockwerk waren zwei Stübchen, die Marthas Interesse vorzugsweise in Anspruch nahmen: das ehemalige Zimmerchen ihrer Mutter, was jetzt sehr niedlich als Logierstube eingerichtet war, und das Gastzimmer daneben.
„Sehen Sie, hier hat nun die Frau Urgroßmutter gewohnt. Da hier in der Ecke stand ihre große, bunte Kommode und da am Fenster steht noch ihr Lehnstuhl und ihr eiserner, kleiner Tisch. Das war ’mal eine gewaltige Frau! Die Leute im Dorfe wissen noch viel Geschichten von ihr, und ich kann mich noch ganz gut auf sie besinnen. Sie ist die Mutter gewesen von allen Kranken und Armen, und in den Kriegsjahren hat sie immer den Kopf oben gehabt und mehr als einmal durch ihre Ruhe und ihr Auftreten den Hof vor Plünderung und Schaden bewahrt. Der Urgroßvater war kränklich und litt viel am Magen und an der Leber, da hat sie jung schon die Zügel mit halten müssen. Hier oben aber da hat sie gesessen eine halbe Stunde vor Tag und eine halbe Stunde des Abends, und hat gelesen und so gewaltig gebetet, daß sie es manchmal draußen verstanden haben, und in ihrem Testamente hat sie es bestimmt: der Stuhl, der Tisch und darauf die Bibel und das Starkenbuch das soll hier am Fenster bleiben und nicht verrückt werden, zum Zeugnis, daß der Segen von oben kommt.“
Martha war zumute, als hörte sie die Stimme, die aus dem feurigen Busche zu Mose sprach: „Ziehe deine Schuhe aus; der Ort, da deine Füße stehen, das ist ein heilig Land.“ Mit scheuer Ehrfurcht schlug sie die alte Bilderbibel auf, deren vergilbte Blätter mit Randbemerkungen bedeckt waren; sie hatte aufgeschlagen und las: „Ebr. 12, 1: Darum auch wir, dieweil wir solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasset uns ablegen die Sünde, so uns immer anklebt und träge macht, und lasset uns laufen durch Geduld in dem Kampfe, der uns verordnet ist.“ Es war, als hörte sie die Urgroßmutter selbst diese Worte sagen, als empfinge sie von ihr in dieser Minute gewissermaßen innerlich den Ritterschlag; jetzt hätte sie lieber selbst Truden und Suschen nicht neben sich gehabt; sie konnte sich lange, lange nicht trennen. Draußen vor dem Fenster spielte der Wind in den eben erst knospenden Zweigen der alten Linden, die hatten auch schon herübergerauscht in der Jugend der Urgroßmutter, und dahinter erglänzte der kleine, klare Landsee, in dem die Mittagssonne sich spiegelte; das war alles ebenso wie sonst.
„Jetzt möchte ich ihr Grab sehen“, sagte sie endlich. Sie wanderte mit Suschen Arm in Arm durchs Dorf, Trude voran. Auf einem grünen Hügel, von Kastanien umgeben, lag die freundliche, saubere Kirche, rings um sie her unter ihren weißen Steinen und Kreuzen die schlafenden Gemeindeglieder. Ganz nahe dem Eingange ins Gotteshaus schliefen Urgroßvater und Urgroßmutter dicht nebeneinander. Die Leichensteine stellten, wie es damals Sitte war, abgebrochene Säulen dar; auf der des Urgroßvaters stand: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen; ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten“; auf dem seiner Gattin: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt!“
„Das hat sie selbst so bestimmt“, sagte Trude, „sonst hätte doch wohl was von allen ihren Gutthaten drauf stehen müssen.“
Die Gräber waren sehr gut gehalten, die dürren Blätter sauber abgeharkt; ein Kranz von Schneeglöckchen faßte die obere Fläche ein, sie läuteten mit all ihren feinen Glocken; schon zeigten sich auch die blauen Blüten der Amaryllis und die dunklen Köpfchen kleiner Tulpen fingen an, sich zu färben. Vom Turme klang jetzt feierlich das Feierabendgeläute, die Sonne wollte soeben zur Ruhe gehen, ihre roten Strahlen gossen flüssiges Gold auf die Grabsteine und das Gras, und eine sanfte Abendluft spielte geheimnisvoll in den welken Blättern, die an der Kirchhofsmauer noch aufgeschichtet lagen.