Die beiden jungen Mädchen hatten sich fest an der Hand gefaßt, Trude stand mit gefalteten Händen. Vom Abendläuten war der letzte Ton verklungen, da hörte man Schritte im Kieswege; die Mädchen wandten sich und standen einem jungen Manne in geistlicher Kleidung gegenüber, der offenbar den schmalen Pfad benutzen wollte, um zum nahen Pfarrhause zu gelangen. Martha und Suschen traten einen Schritt zurück; er grüßte Suschen, wie man eine alte Bekannte grüßt, und wollte dann schnell vorüber; aber Trude gab sich so noch nicht zufrieden.
„Herr Pastor! sehen Sie doch nur, das ist ja die Urenkelin hier von der seligen Frau.“
Der Pastor blieb stehen und Suschen übernahm die Vorstellung: „Herr Pastor Frank, Fräulein Feldwart!“
„Und Sie waren noch niemals hier?“ fragte der Pastor.
„Niemals!“ erwiderte Martha.
„Dann müssen Sie aber auch all’ unsere schönen Altargedecke und heiligen Geräte sehen; die rühren meistens von der Frau Urgroßmutter her.“
O ja, das wollte Martha gern. Der Pastor sprang nach seinem Hause, um die Schlüssel zu holen, und nahm dann die Erfreuten mit sich in die Kirche und in die Sakristei.
Dort schloß er eine schwere, eichene Truhe auf: „Die stammt auch von der Urgroßmutter!“ Dann enthüllte er die schönen, schweren Altargedecke: „Sehen Sie, bei jedem Stücke liegt in dem kleinen Kästchen an der Seite das Dokument der Schenkung.“
Martha beugte sich über die alten Papiere: sie waren offenbar von derselben Hand geschrieben wie ihr Weihnachtslied. Zuerst kam die Schenkung der Truhe: „Anno 1801 bei der Geburt ihres ältesten Sohnes schenkte Frau Anna Martha Waldheim aus Dankbarkeit für Gottes unverdiente Gnade und zum Gedächtnis seiner Wunder diese Truhe zur Aufbewahrung der Kanzel- und Altarbekleidungen.“ Dann kam 1806 bei der Geburt eines zweiten Sohnes das erste Gedeck. „Das blaue Laken mit dem Lamme stickte ich mit meiner eigenen Hand.“ Dieser Hans Waldheim, der hier erwähnt war, war Marthas Großvater. „1812 bei der Geburt einer Tochter Margarete schenkte ich eine Bekleidung für den Taufstein aus schwarzem Sammet und Golde: Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott! zu unsern Zeiten!“
„Nun sollen Sie auch die Geräte sehen“, sagte der Pastor und öffnete ein Doppelschloß in der Mauer. 1824 war ein schöner, goldener Kelch geschenkt: „Zum Angedenken an die sel. Heimfahrt meines ältesten Sohnes, der sich im Sterben hat mit dem Sakrament erquicket“; 1828 „eine güldene Weinkanne, da mir mein Herr den bitteren Trank des Witwenleides hat eingeschenket. Dein teures Blut, dein Lebenssaft giebt mir stets neue Lebenskraft!“ „Anno 1830 bei der Taufe meiner lieben Enkelin Anna Marie ein neu Taufbecken: Wer da glaubet und getauft wird, der wird selig!“