Anna Marie! das war ja ihre liebe Mutter! Martha war es sonderbar ums Herz; so wohl, als sei sie in dem kleinen Gotteshause zuhause; so weh, daß von der Familie, die hier so feste Wurzeln geschlagen hatte, jetzt hier kein einziges Reislein mehr grünte. Im Amtsstuhl war noch der kleine, geschnitzte Gesangbuchsschrank der Urgroßeltern mit ihrem Namen und dem Datum ihres Einzuges. Martha fand es sehr schwer, sich von all diesen Erinnerungen loszureißen, aber die Tageszeit nötigte dazu.

Als sie ins Freie traten, war die Sonne hinunter und ein feiner, weißer Nebel zog durchs Thal. Sie dankten dem Pastor freundlich, er erkundigte sich noch nach Suschens Eltern, und dann stiegen die drei verschiedenen weiblichen Gestalten still den Hügel hinab. Pastor Frank stand an der Kirchhofsmauer und sah ihnen nach, bis das braune Kopftuch, das schwarze und das helle Kleid im Schatten der Häuser verschwanden.

„Kanntest du den Pastor Frank schon länger?“ fragte Martha.

„Ja wohl“, erwiderte Suschen; „er gab als Kandidat den deutschen Unterricht an unserer Schule; wir schwärmten damals alle für ihn.“

Daß Martha dann bei Tische und auf der Rückfahrt stiller war, wunderte Suschen eben nicht. Frau Feldwart hatte schon sehr ungeduldig nach ihrem Kinde ausgesehen.

„Mama“, sagte die Tochter, nachdem sie nur eben ihre Sachen abgelegt hatte, „kannst du dich noch ganz ordentlich auf die Urgroßmutter besinnen?“

„Freilich“, sagte Frau Feldwart; „ich war ja schon ganz erwachsen, als sie starb! An meinem Einsegnungsmorgen da hat sie an ihrem eisernen Tischchen noch mit mir gelesen und gebetet und hat mir die Bilderbibel mit dem silbernen Schloß geschenkt, die ich jetzt noch habe.“

„Mama, das Tischchen steht noch und der Lehnstuhl, und Urgroßmutters Bibel und das Starkenbuch sind auch noch da.“

„Wie mich das freut!“ rief Frau Feldwart; „sie hatte es ja im Testamente so bestimmt, und so lange meine Eltern dort waren, blieb natürlich alles so. Als wir Schwestern dann aber heirateten und die Eltern das Gut verkauften, um uns nachzuziehen nach B., da mußten wir es dem neuen Besitzer überlassen, ob er diesen Wunsch noch ferner erfüllen wollte.“

„Mama, all’ die Altardecken und heiligen Geräte sind auch noch da, auch das Taufbecken, woraus du zuerst getauft bist; du mußt mir noch viel von der Urgroßmutter erzählen.“