„Das thue ich schon gern; du kannst auch vielleicht in ihren alten Papieren manches finden.“

Der Martha war zumute, als habe sie die Urgroßmutter heute erst geschenkt bekommen; ein Pastellbildchen aus der Jugendzeit derselben hing über dem Nähtisch ihrer Mutter; das mußte sie immer ansehen; die klaren Augen und festen, bestimmten Züge waren ihr nun erst verständlich, und ihr eigener Name: Anna Martha, den sie bis dahin ganz alltäglich gefunden hatte, wurde ihr jetzt lieb als Erbstück von der Urgroßmutter.

Von Ostern ab begann nun für sie eine sehr fleißige Zeit. Unter Suschens Leitung nahm sie mit eigener Hand die Änderungen an ihrer Garderobe und der ihrer Mutter vor, welche die wärmere Jahreszeit nötig machte; die Besorgung der kleinen Wirtschaft fing an ihr Freude zu machen, auch das Einteilen und Sparen, als sie es nach Frau Werners Anleitung mit Erfolg that, gewann seinen Reiz für sie. Daneben begannen die englischen Übungsstunden, auf die sie sich ordentlich vorbereiten mußte; die Zeichenstunden mit den jüngeren Mädchen nahmen ihren Anfang; jede Mußestunde wurde zur Vollendung niedlicher Karten und Lesezeichen verwendet; da hieß es die Minuten benutzen und die Zeit aufs äußerste auskaufen. Frau Feldwart sah anfangs mit Befriedigung Marthas erhöhte Thätigkeit und wiederkehrende Energie, aber mit der Zeit ward es ihr lästig, die Tochter, welche bisher nur für sie allein gelebt, so in Anspruch genommen zu sehen. Seitdem sie sich in die ungewöhnlich milde Frühlingsluft einmal hinausgewagt hatte, regte sich das Bedürfnis zum Spazierengehen öfter bei ihr; wenn dann Martha sagte: „Nein, Mama, heute kann ich nicht ausgehen, heute muß das Kleid fertig werden“, oder: „Ach, ich bin eben mitten im Malen mit meinem Lesezeichen, jetzt kann ich’s unmöglich liegen lassen!“ da wurde die Mutter verdrießlich und es gab zwischen beiden darüber so manchen kleinen Zwist. Es wurden allmählich auch die Abendstunden zur Arbeit mit herangezogen, in denen Martha der Mutter früher vorgelesen hatte; Frau Feldwart, deren Augen schwach waren, nickte dann ein beim Stricken und machte bittere Bemerkungen. Dann legte Martha wohl Bücher und Zeichengeräte fort und las vor, bis die Mutter zu Bette ging, um dann bis 1 Uhr nachts zu arbeiten und müde und überwacht am anderen Morgen aufzustehen.

„Ich weiß nicht, Martha“, sagte Suschen, „Du bist jetzt viel unruhiger wie zu Anfang.“

„Ich finde es selbst“, erwiderte diese nachdenklich, „ich war noch nie so aufgeregt und zerstreut wie jetzt; ich weiß nicht, woran es eigentlich liegt.“

Es fiel ihr ein, daß Trude gesagt hatte, die Urgroßmutter hätte zweimal so viel als andere fertig gebracht. Sie nahm sich vor, am nächsten Sonntag ’mal in ihren Briefen zu studieren. Sie fand verschiedene Briefe, die von Krankheiten, Arbeiten, Kriegsunruhen handelten; endlich öffnete sie einen Brief, den Frau Anna Martha ihrer Schwiegertochter, Marthas Großmutter, geschrieben:

„Meine herzliebe Frau Tochter! Dein Brief hat mir recht viel Nachdenken und auch Sorgen gemacht, weil er klingt, als wüßtest Du vor Not und Arbeit von früh bis spät nicht aus noch ein! Ich kann mir wohl denken, wie die Obst- und Kartoffelernte, die Krankheit der beiden Kinder, das Schlachten und der viele Besuch zu der Hasenjagd alle deine Kräfte verbraucht haben, und ich will auch, so schnell ich kann, heimkommen, um Dir zu helfen; aber ich habe oft ebenso viel und noch mehr, sogar mit Feinden durchgemacht, und bin doch ruhig verblieben. Versäumt denn meine liebe Frau Schwiegertochter auch die Hauptsachen nicht? Ich las neulich in einem Buche, daß ein gelehrter Mann, ein Sterngucker, gesagt hat: ‚Gebt mir einen Standpunkt außerhalb der Welt, und ich will sie aus den Angeln heben.‘ Das hat mir ganz gewaltig gefallen. All’ unsere Arbeiten, alle Mühen, Sorgen und Erdenlasten, die unsere Herzen drücken, die können wir nur regieren und bewegen von einem Standpunkt außerhalb der Welt, und gottlob! geht es darin uns Christenleuten besser als dem armen Kerl in meinem Buche; wir haben den Standpunkt wahrhaftig; wir brauchen nur zu unserem Vater in dem Himmel zu gehen. Er hat’s erlaubt; wenn wir es nicht thun, ist es unsere Schuld. Frau Schwiegertochter! Wenn ich in meinem Leben etwas erreicht und fertig gebracht habe, so ist es nur dadurch geschehen, daß ich jeden Tag zweimal eine halbe Stunde vor Gottes Thron gegangen bin. Wenn doch alle Menschen wüßten, wie viel das Mühe, Not und Zeit erspart! Mit schwerem Herzen, matten Gliedern, unruhigem Gemüte geht man hin; mit freier Seele, gestärkten Füßen, wackeren Händen, geordnetem Willen und verständigen Gedanken kommt man wieder. Frau Schwiegertochter! Des Sonntags im Gottesdienst und des Alltags in der Betkammer da kriegt man das meiste fertig, denn da wird man selbst fertig gemacht, daß man nicht umherfährt wie eine Brummfliege, sondern fein gerade auf sein Ziel lossteuert wie ein Schiff mit reinen, vollen Segeln, in welche der richtige Wind bläst. Frau Schwiegertochter! Unter das Rezept kann man gewißlich setzen, was meistens unter denen Kuchen- und Seifen-Rezepten in den Kochbüchern stehet: probatum est! Und damit Gott befohlen!“

Martha hielt lange den Brief in der Hand. Das war es!

Wenn ein junges, begabtes Wesen zuerst seine Leistungsfähigkeit entdeckt, empfindet es natürlich Freude darüber und das Verlangen, seine Thätigkeit fort und fort reicher zu entfalten und zu steigern.

Dieser Trieb ist gewiß an und für sich nicht zu tadeln, aber es geschieht dann leicht, daß man sich fest auf die eigenen Füße stellt, der Quelle vergißt, aus der man seine Kraft empfing und erst durch die Lahmheit seiner Flügel und die Unruhe des ganzen Getriebes vom lieben Gott die Erinnerung bekommen muß: „Ohne mich könnet ihr nichts thun!“ So war es Martha ergangen.