„Was liest du da, Martha, worin du so ganz versunken bist?“ fragte die Mutter.

Martha reichte ihr den Brief hinüber.

„Ach“, sagte Frau Feldwart, nachdem sie ihn gelesen, „das ist ganz und gar meine Großmutter! Rezepte schrieb sie gar zu gern. Als ich aus meiner Freiheit auf dem Gute in die Stadt in Pension kam, hatte ich ’mal einen großen Klagebrief nachhause geschrieben, weil ich nun alles zugleich lernen sollte und niemals fertig wurde; da hat sie mir auch ’mal so ein Rezept geschickt, es war kurz vor ihrem Tode. Warte, ich will es dir gleich holen.“

Sie nahm es aus ihrem Schreibtische und Martha las:

Rezept für unser Mariechen in der Stadt.

1) stehe die Jungfer früh auf; sie ist kerngesund und schläfet in der Nacht; da wird es ihr nichts schaden, wenn sie sich frühzeitig aus den Federn hebet. Frisch heraus, kalt gewaschen, rasch und ordentlich angezogen, ein Kapitel aus der Bibel gelesen, gebetet und an die Arbeit! Das lange Herumdrehen in den Federn mit wachen Augen ist schädlich; da gewöhnt man sich an das Träumen bei Tage, und es wird schwer sein, sich über diese verdämmerten Stunden zu entschuldigen, wenn man sich darüber einmal beim lieben Gott verantworten soll, wie man seine Zeit angewendet hat. Jeden Tag eine Stunde, giebt im Jahr 365 Stunden, also 15 Tage und 5 Stunden; sollte Dich der liebe Gott 70 Jahre leben lassen, werden 2 Jahre und 334 Tage daraus, ohne die Schalttage, also beinahe 3 Jahre; das bedenke man ordentlich, damit man die Minuten zurate hält!

2) fasse man seinen Verstand zusammen und frage sich, was zu jeder Stunde das Nötigste ist. Eine Viertelstunde dieses betrieben, die andere Viertelstunde jenes — das schafft nicht. Was man treibt, treibe man ganz, lasse alle anderen Gedanken fahren und richte seinen ganzen Fleiß darauf, nicht, so schnell wie möglich fertig zu werden, sondern so gründlich und schön als möglich seine Arbeit zu vollenden; dabei wächst die Zufriedenheit und die Tüchtigkeit;

3) bedenke man all’ seine Sachen zur rechten Zeit und Stunde, und zwar, so viel es möglich ist, immer auf einige Tage voraus; man kann sich dann mit seinen Aufgaben viel besser einrichten. Wenn Du z. B. bei Deinen weiten Wegen in B. ausgehest und vergissest die Hälfte von dem, was Du nächstens gebrauchst, mitzubringen, und mußt dann noch einmal unnützlich rennen, so sind einige Stunden weg, die weder Dir noch anderen Vorteil bringen;

4) gewöhne man sich, das nur Erwünschte und Angenehme von dem Nützlichen und Nötigen zu unterscheiden und beides nach seinem Werte zu behandeln. Zum Beispiel, Du darfst Sorgfalt und guten Geschmack auf Deinen Anzug verwenden, darfst Dir ansehen, welche Haarfrisur und Kleidung für Dich passend ist; der liebe Gott will nicht, daß wir uns vernachlässigen oder verunstalten sollen; seine Werke sind alle schön und wohlgeordnet und lieget der Zauber der Anmut darüber. Aber Du sollst nicht stundenlang vor dem Spiegel stehen, die Locken nach rechts und links drehen, die Schleifchen hierhin und dorthin wenden, und die edlen Stunden, die Deinem inwendigen Menschen und dem Wohle des Nächsten zugute kommen sollen, verthun mit „Firlefanz.“ Ja, liebes Kind, so nannte unsere Mutter all’ die Modethorheiten, die man sich jeden Tag neu ausdenket, die viel Zeit und Geld kosten und keinen Menschen glücklich und zufrieden machen; Du glaubst nicht, wie viel man davon entbehren kann und wie glücklich man ist, wenn man so wenig als immer möglich davon gebraucht;

5) darf man sehr wohl ein gutes Buch zur Unterhaltung lesen; nur daß man sich in Deinem Alter von erwachsenen, verständigen Personen muß raten lassen, welches ein gut und nützlich Buch sei. Aber, mein Kind, lies vernünftig. Sich den Kopf heiß lesen, um nur schnell vorwärts zu kommen und zu erfahren, ob der Liebste die Liebste auch kriegt, — blättern, bald hinten, bald vorne; überschlagen, was auf den ersten Augenblick nicht so ansprechend erscheinet; sich verlesen, wenn andere Pflichten rufen: das ist schlimmer, als hätte man nie ein Buch in der Hand gehabt, und macht den ganzen Charakter zucht- und haltlos. Langsam lesen, ordentlich in sich aufnehmen, bedenken, was der Verfasser von Dir will; zuweilen ein bißchen stille halten, wenn Dich was ins Herz trifft, das fördert und bringet unversehens weiter.