6) Du darfst auch mit einer Freundin umgehen, ja wohl, es ist sehr schön, wenn Du eine hast; ich gönne sie Dir von Herzen. Aber wenn Du sie willst auf eine Stunde oder mehr besuchen, dann nimm Dein Strickzeug oder Nähzeug mit, oder spielet, springet, leset und singet meinetwegen zusammen; willst Du ihr aber nur auf einige Minuten etwas bestellen, so laß dies wirklich nur Minuten sein; das Stehen und Schwätzen beim Gehen und Kommen, so zwischen Thür und Angel, daß keiner weiß, ob es jemals enden wird, das bringet die Töchter um ihre Zeit und die Mütter um ihre Geduld — das merke Dir!


Martha war sehr hingenommen von den Lehren der Urgroßmutter. Sie waren natürlich nicht alle gerade für ihr eigentümliches Wesen zutreffend, aber vieles stimmte auffallend. Sie erinnerte sich sehr deutlich, daß Frau Direktor Werner gestern dreimal „Suschen!“ gerufen hatte, als sie an der Hinterthür voneinander Abschied nahmen, und wie oft, ach, wie oft! hatte sie weite Wege machen müssen, weil sie am Morgen vergaß, der Warburgerin das Nötige aufzutragen. Das Frühaufstehen war auch ein wunder Punkt, ein recht wunder! der sollte morgen früh zuerst geändert werden.

Als Martha der Dienerin um sechs Uhr die Thür geöffnet hatte, legte sie sich nicht nach ihrer Gewohnheit noch einmal nieder, sondern sie kleidete sich ganz nach dem Rezept der Urgroßmutter leise und rasch an, und die Wohnstube war kaum fertig, so erschien sie in derselben, setzte sich ans Fenster und schlug ihre Bibel auf. Es war sehr feierlich um sie her. Drüben im Grasgarten schlugen die Finken; sie hatte die Fenster geöffnet, um die köstliche Maienluft zu atmen, und auf ihren Flügeln strömte der Duft von Flieder und Jasmin zu ihr herein; die blütenbedeckten Apfelbäume waren von der Morgensonne rötlich angeleuchtet; im Grase glänzte der Tau in tausend Perlen.

„Wie schön solch ein Morgen ist!“ dachte Martha. Das Lied fiel ihr ein, das sie stets so gern gesungen: „Morgenglanz der Ewigkeit, Licht vom unerschöpften Lichte, Schick uns diese Morgenzeit deine Strahlen zu Gesichte etc.“ Singen durfte sie es jetzt nicht, um die Mutter nicht zu wecken. Sie schlug ihre Bibel auf. Ach, die ganze Natur war heute nur ein Loblied; sie mußte sich auch hier in Gottes Wort eins suchen; sie las den 103. Psalm: „Lobe den Herrn, meine Seele! und was in mir ist seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes gethan hat etc.“ Dieser köstlichste aller Lobgesänge trug ihr Herz hoch empor, und ob sie es auch in der letzten Zeit oftmals versäumt hatte, mit ihrem Vater im Himmel zu reden, die Stimme des Psalmisten weckte verwandte Stimmen in ihrer Seele; sie konnte danken, sie konnte bitten, sie konnte ihr Leben und Streben im Lichte des Wortes Gottes stille betrachten. Wie verschwindet so vieles in diesem Lichte, was uns wichtig erschien; wie verklärt erscheint manches, was wir für klein und unwichtig gehalten hatten; wie viel klarer wird die Richtschnur für unser Thun und Lassen, wenn Gottes helle Sonne darauf scheint.

Martha hatte bis jetzt ihr rastloses Arbeiten für nichts als Tugend und ihre Mutter für sehr ungerecht gehalten, wenn sie diese Thätigkeit hemmen und ihr Kind für sich in Anspruch nehmen wollte; jetzt auf einmal wurde es ihr klar, daß die Erfüllung des vierten Gebotes ihre nächste Aufgabe sei, und ihrer Mutter das Leben leicht zu machen das höchste Ziel, das sie sich stecken mußte.

So lange wir hier auf Erden leben, werden wir immer mehr oder weniger beunruhigt werden durch den scheinbaren Widerstreit unserer verschiedenen Pflichten, und das Bestreben, sie in Harmonie zu bringen, geht durch alle unsere Tage. Dies hat aber seinen Grund zumeist darin, daß wir unsere Lieblingsneigungen und Lieblingsbeschäftigungen selbstsüchtig festhalten und nicht unterordnen wollen; je mehr uns dies mit Gottes Hilfe gelingt, desto stiller und geordneter fließt unser Leben dahin.

Martha fing jetzt wirklich ernstlich an, zu kämpfen und zu ringen, um dieses Ziel zu erreichen, und die Morgenstunden, welche ihr dazu verhelfen sollten, waren ihr bald so lieb und unentbehrlich wie einst der Urgroßmutter. Sie war darin nicht immer in so gehobener Stimmung; ach nein! solche Stunden sind, so lange wir hier unten weilen, selten. Recht oft klagte sie, statt zu danken, wenn all’ die Sorgen ums tägliche Brot auf sie einstürmten, wenn die sehr wechselnde Stimmung der Mutter ihr Not machte, wenn die Sehnsucht nach Siegfried, von dem sie kein Wort wieder gehört hatte, allzu schmerzlich in ihr emporstieg. Martha hatte nicht versäumt, ihre neue Adresse in Berlin zu melden, damit ein Brief sie erreichen könne; sie hatte kein Lebenszeichen erhalten, wußte nicht, wo sie ihn mit ihren Gedanken aufsuchen sollte; auch in dieser Not war ihre einzige Beruhigung: „Er ist in Gottes Hand, wie ich es bin; wenn es zu unserem Frieden dient, bringt er uns wieder zusammen!“ Oft bat sie den Herrn mit Thränen darum, oft suchte sie nach Ergebung, wenn es anders beschlossen sei; aber so wenig sie jemals ganz mit ihrem alten Menschen fertig wurde, so kam doch nach und nach immer größere Ruhe und Sammlung in ihr Herz, und dies konnte man an ihrem Thun und Treiben gar wohl bemerken. Ohne daß sie eine der angefangenen Arbeiten vernachlässigte, gewann sie nun Zeit, sich mit der Mutter im Freien zu ergehen, ihr am Abend vorzulesen, sie in die erbaulichen Gottesdienste der nahen Pfarrkirche zu begleiten.

Als Pastor Wohlgemuth die beiden Frauengestalten so regelmäßig unter seinen Zuhörern erblickte, fing er an, ihnen mitunter einen Besuch zu machen, wie er es bei Direktor Werners schon seit langer Zeit that. Seine herzliche, ernste und doch getroste Weise, mit der er die trüben Dinge des Lebens ins heitere Himmelslicht zu setzen wußte, thaten der Mutter und Tochter wohl. Martha und Suschen verehrten ihn beide; seine Erscheinung im Hause war ein Fest für sie, ein beneidenswertes Ereignis, wenn er bei einer Begegnung freundliche Worte zu ihnen sprach, und alle Blumen, welche sie in Wald und Flur pflückten, mußte Luischen dem alten Herrn in die Konfirmandenstunde mitnehmen.

Zu Pfingsten entschloß sich Frau Feldwart zum erstenmale, einer Einladung der Frau Amtmann Rösner zu folgen und einige Tage in Weißfeld zuzubringen. Es ging dies nicht ohne große Herzensbewegung ab, aber dieselbe war überwiegend freudiger Art. Ihr eigenes früheres Stübchen war für sie und Martha zum Schlafzimmer, das der Urgroßmutter zur Wohnstube eingerichtet. Sie sah die alte Heimat im lieblichsten Lichte: alle Häuser, auch das Gutshaus, mit Maien geschmückt, Narzissen und Tulpen, Flieder und Goldregen in voller Blüte, die Linden im schönsten, lichtgrünen Schmuck. Trude war überglücklich, ihre alte Herrin zu empfangen; von Amtmanns wurde sie mit der zartesten Liebe aufgenommen und gepflegt, und gleich am Morgen nach der Ankunft hielten Mutter und Tochter zum erstenmal gemeinsam ihre Andacht am Plätzchen der Urgroßmutter. Die Mutter saß im Lehnstuhl; Martha, die Bilderbibel auf den Knieen, auf einem niedrigen Schemel davor; sie las auf Wunsch der Mutter den Lieblingspsalm der Frau, die hier so oft gebetet hatte, den 90. Psalm: „Herr Gott, du bist unsere Zuflucht für und für etc.“, den Psalm, der Ewigkeit und Vergänglichkeit ergreifend nebeneinander stellt, mit seiner kindlichen Bitte am Schlusse: „Erfreue uns nun wieder, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden; zeige deinen Knechten deine Werke, und deine Ehre ihren Kindern; und der Herr unser Gott sei uns freundlich und fördere das Werk unsrer Hände bei uns; ja, das Werk unsrer Hände wolle er fördern!“