Sie saßen noch lange mit gefalteten Händen, als Martha gelesen hatte, und der Pfingstgeist, der Geist des Friedens und des Trostes, zog in ihre Herzen ein. Sie wanderten dann mit den geschmückten Landbewohnern zusammen dem Kirchlein zu.

Frau Feldwart saß an derselben Stelle, wo sie mit ihren Eltern sonntäglich gesessen hatte. Ach, um sie her saß eine fremde Gemeinde! Trude und der gebückt einhergehende alte Kirchendiener waren die einzigen Gestalten, deren sie sich erinnerte. Pastor Frank predigte in einer schönen Sprache, gar nicht ungläubig, aber noch recht jugendlich. Martha meinte, ihr alter Pastor Wohlgemuth gäbe ihr mehr, und geriet darüber mit Suschen, die am Morgen erst gekommen war, beinahe in Streit.

„Ich weiß gar nicht, was du willst, Martha; noch schöner wie der Pastor Frank kann doch gar kein Mensch predigen!“

„Er predigt mir eben zu schön“, sagte diese.

„Aber wie kannst du nur solchen Unsinn sagen!“ rief Suschen ganz gereizt und ärgerlich.

Gegen Abend kam Pastor Frank und blieb zum Abendbrot da. Es wurde musiziert; die beiden Töchter des Amtmanns spielten vierhändig, Pastor Frank sang mit seiner schönen Tenorstimme: „Tröstet, tröstet mein Volk“ aus Händels „Messias“, er begleitete Martha das schöne Lied: „Du bist die Ruh, der Friede mild, die Sehnsucht du und was sie stillt etc.“, und das war wirklich recht erquicklich. Dann, nach Tisch, wanderten alle in der lieblichen Dämmerung des duftenden Gartens; Pastor Frank schloß sich an Martha und Suschen an; er erzählte, daß am dritten Festtage großes Kinderfest sein werde, auch eine Stiftung der Urgroßmutter. Er berichtete von mancherlei Einrichtungen zum Wohl der Arbeitsleute aus alter und aus neuer Zeit. Martha interessierte sich lebhaft dafür und forderte ihn durch Fragen zu weiteren Mitteilungen auf. Er freute sich der eifrigen Zuhörerin, sie kamen in ein sehr lebhaftes Gespräch; Martha war aus der reichen Geselligkeit der Residenz gewohnt, sich leicht und fließend auszudrücken; Suschen hatte Respektspersonen und Fremden gegenüber noch ganz ihre kindliche Schüchternheit; sie hing an Marthas Arme und sagte gar nichts.

Als sie sich am Abend trennten, fiel es Martha auf, daß ihre Freundin nicht so heiter war als sonst.

„Was hast du, Suschen? Du warst heute Abend so still!“

„Ich weiß nicht, ich war wohl müde von dem Morgenweg in der Sonne.“

„Das ist ja möglich“, dachte Martha, „auch der Duft von Flieder und Goldlack macht müde; ich bin es ja auch.“