Am zweiten Festtage kamen gegen Abend einige Familien aus der Nachbarschaft; Frau Feldwart zog sich auf ihr Zimmer zurück; Martha wurde von den jungen weiblichen Gliedern der Gesellschaft, die meistens schon ihre Schülerinnen waren, schnell umringt, und war, ohne daß sie es wollte, eigentlich der Mittelpunkt aller.

Pastor Frank erschien auf eine Stunde, um zu verabreden, wie es morgen beim Brezelfest werden sollte; die Brezeln wurden vor dem Schulhause aus zwei Körben verteilt, und er wünschte, daß die Urenkelin der Stifterin mit ihrer Freundin zusammen dies Amt übernehmen möge.

Sie sagte gern zu: „Wenn es sich paßt in meinem schwarzen Anzug?“

„Gewiß“, sagte Pastor Frank; „auf dem Lande ist Schwarz immer ein Festkleid, und wenn Fräulein Suschen vielleicht wie heute in Weiß erscheint, so stellen Sie daneben zusammen die preußischen Farben dar, und das paßt ganz gut zu den Vaterlandsliedern der Knaben.“

Am dritten Feiertag nachmittags zog alles nach dem Schulhause. Trude zupfte Martha am Kleide, als sie vom Hofe gehen wollte, und stellte einen etwa achtjährigen Jungen und ein sechsjähriges dralles Mädchen vor sie hin, die in Festfreude und Festschmuck strahlten.

„Das sind meiner Kathrine ihre, Fräulein: Hans und Mariechen! So, gebt auch hübsch ein Händchen, so ist’s recht!“

Martha sah mit Wohlgefallen auf die frischen, zutraulichen Kinder, die nun dem Versammlungsplatze zueilten, und ging selbst, um mit Suschen an den weißgedeckten Tischen Platz zu nehmen, die vor dem Schulhause aufgestellt waren zu beiden Seiten der Eingangsthür.

Schön geschmückt, jedes Kind einen großen Strauß vor der Brust und eine Maie in der Hand, kam die Schuljugend gezogen, erst die Knaben paarweis, dann die Mädchen; niedliche Fahnen in den deutschen Farben trugen die ältesten Knaben vor; ihnen folgten einige Musikanten mit Blasinstrumenten und einer Trommel. Sie zogen auf den lindenbeschatteten Platz vor dem Schulhause unter dem Gesang, den ebenfalls die Urgroßmutter bestimmt hatte: „O heiliger Geist, o heiliger Gott etc.“

Der Pastor sprach ein kurzes Gebet und sagte den Kindern in einfachen Worten, der Pfingstgeist sei ein Geist der Freude und der Liebe, deshalb habe ihnen die Liebe dieses Fest bereitet; sie möchten nun in Gottes Namen fröhlich sein und mit Dankbarkeit an die alte Frau gedenken, die dieses Fest gestiftet habe, als ihr ältestes Söhnlein, sechs Jahre alt, zur Schule gekommen sei. „Und seht, dort steht ihre Urenkelin, die will euch die Brezeln heute selbst geben!“

So waren denn natürlich aller Augen auf Martha gerichtet; weil es aber strahlende Kinderaugen waren, fühlte sie sich nicht dadurch belästigt.