Auch das Verhältnis zu den verschiedenen Familiengliedern brachte manche Schwierigkeit. Jede neue Lebenslage bietet solche dar; schwache und selbstsüchtige Naturen steigern sie für sich und andere oft bis zur Unerträglichkeit; kräftige und treue überwinden sie mit Gottes Hilfe und finden darin die beste Schule und den größten Reichtum fürs Leben.

Der Sekundaner hatte eben angefangen, ein wenig über die Zeit hinauszukommen, wo es heißt: „Vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe.“ In solcher Zeit pflegen zwischen großen Brüdern und erwachsenen Schwestern intime Freundschaften zu entstehen. Er war gewohnt gewesen, all’ seine Erlebnisse Suschen mitzuteilen, wie sie seine Heimkehr aus der Schule kaum erwarten konnte, um all’ die Dinge mit ihm zu besprechen, die für ein achtzehnjähriges Herz Bedeutung und Wichtigkeit haben. Nun kam Martha und nahm Suschens Neigung und in jeder freien Stunde auch Suschens Zeit so in Beschlag, wie er es nicht für möglich gehalten hatte. Der junge, sehr hübsche Gast war ihm keineswegs gleichgültig; er versuchte sehr ernstlich, auf Spaziergängen oder abends im Garten der dritte im Bunde zu sein; da man ihn aber nicht gerade huldvoll aufnahm, ward er verstimmt und kam in Versuchung, zu den eben überwundenen Gewohnheiten der Flegeljahre zurückzukehren. Er entwickelte eine merkwürdige Geschicklichkeit darin, auf den Zehen näherzuschleichen, Bruchstücke aus der Unterhaltung der Mädchen zu erlauschen und dieselben in der verdrehtesten Gestalt wieder zutage zu bringen, gerade, wenn es die beiden Freundinnen am meisten in Verlegenheit brachte. Er band auch wohl heimlich Suschens langen Zopf an Marthas Taillenband fest, wodurch sehr unangenehme, ja manchmal auch schmerzhafte Verwickelungen entstanden, und die ärgerlichen Ermahnungen der Frau Direktorin halfen immer nur auf kurze Zeit. Eine treue Bundesgenossin hatte er, nicht in seinen Ungezogenheiten, aber in der Eifersucht auf Marthas Freundschaft mit Suschen, an seiner Schwester Luise, die es gar nicht begreifen konnte, warum sie in letzter Zeit so ganz in den Hintergrund gedrängt wurde, und die beiden redeten sich recht geflissentlich gegenseitig in den Ärger hinein.

Frau Werner sprach anfangs nur zum Frieden: „Bedenkt doch, wie die arme Martha noch so fremd hier ist; sie hat jetzt eine Freundin nötig; wenn sie ihre Traurigkeit erst etwas überwunden hat, wird das ganz von selbst besser.“

Der Direktor sah die Sache mit heimlicher Belustigung; die kleinen Konflikte machten ihm Spaß, weil er eine glückliche Lösung voraussah; aber er konnte es nicht lassen, zuweilen etwas ironisch zu werden. Auf Spaziergängen, wenn alle sich an einer schönen Baumgruppe oder freundlichen Aussicht erfreuten, störte er das eifrige Zwiegespräch der Mädchen: „Nun, ihr Geistesabwesenden, thut nur auch einmal euere Augen auf, damit ihr etwas von Gottes Schöpfung gewahr werdet!“ Oder er läutete hinter ihren vereinigten Köpfen mit der großen Tischglocke: „Versunkenheit, Versunkenheit weiche! Das Abendbrot soll in den Garten gebracht werden.“

Gerade, weil Martha fühlte, daß die freundliche Rüge von ihr verdient war, traf sie dieselbe oft recht empfindlich; sie war als einziges Kind an große Schonung gewöhnt.

Die Sache erreichte ihren Höhepunkt, als eine Cousine von Suschen, Josephine, in schöner Abkürzung nur „Phine“ genannt, auf Besuch kam. Sie war eine sehr wenig anmutige Erscheinung, eckig im Benehmen, wortkarg, wenig angeregt zu geistigen Interessen, mit einem Worte: den beiden Unzertrennlichen sehr unsympathisch. Dies ließen sie auf eine sehr unliebenswürdige Weise dem Gaste merken; sie wußten mit wunderbarer Geschicklichkeit denselben von ihren Zwiegesprächen auszuschließen, und Phine ging auf gemeinsamen Wanderungen, wenn nicht etwa der Direktor oder die Hausmutter sich ihrer annahm, mit gefurchter Stirne ihren Weg allein. Die Eltern beide sahen dies mit wirklichem Schmerz; des Direktors humoristische Bemerkungen wurden bitter und beißend; seine Frau nahm eines Morgens, als Phine noch schlief, die beiden Freundinnen beiseite, und sagte ihnen ganz gründlich die Wahrheit: „Alles, was recht ist, lobt Gott! ihr Kinder. Ich habe euerer Freundschaft viele Rechte eingeräumt, aber wenn ihr mir die Gastfreundschaft verletzt, bin ich sehr böse. Ja, ja! seht mich nur erstaunt an; jede Freundschaft, jedes Verhältnis, welches so ausschließlich wird, daß man gar nicht mehr daran denkt, was man seinem Nächsten schuldig ist, wird Leidenschaft und Egoismus, und das muß bekämpft werden. Ich bitte mir von heute an aus, daß ihr euch ordentlich betragt, sonst trenne ich euch und schicke Suschen wieder auf Reisen!“

Martha empfand es sehr tief, daß sie hier Ursache zur Unzufriedenheit gegeben hatte; Suschen gab sich noch nicht gleich: „Aber Mama! was sollen wir denn mit ihr anfangen?“

„Das wird sich schon finden, wenn ihr ernstlich wollt; wie es in den Wald schallt, so schallt es wieder heraus; ich glaube, ihr habt noch nicht einmal ernstlich mit dem Hammer der Liebe bei ihr angeklopft; wer weiß, welche Goldstufen ihr findet, wenn ihr es thut!“

Martha war sehr erschüttert von dieser Strafpredigt; sie hatte selten Scheltworte bekommen im Leben, und obgleich sie der Frau Werner in ihrem Herzen beipflichten mußte, fühlte sie sich doch sehr unglücklich und verlassen und griff zum Trost nach Urgroßmutters Briefen. Sonderbar! das erste, was ihr in die Hand fiel, war ein kleines Gedicht:

Gastfrei zu sein vergesset nicht!