„Da läßt sich wohl Rat schaffen“, sagte der Hausherr freundlich; „ich habe mit meiner Frau gesprochen und will Ihnen sagen, wie wir denken. Unser Wirt hat eine sehr gut ausgebaute Bodenkammer, die wird er Ihnen für einen sehr geringen Preis geben, und Sie räumen Ihre Möbel und Sachen da hinein; wir sehen dann zu, daß wir Ihre Wohnung zum April noch weiter vermieten können. Sie ziehen zu uns, teilen Suschens Stübchen und sind unser lieber Gast. Gold und Silber haben wir leider selbst nicht, aber was wir haben, das geben wir gern, nämlich Obdach, Heimat, Verpflegung, so lange Sie es gebrauchen. Doktor W., mein Freund, bildet eine ganze Schar junger Mädchen fürs Lehrerinnenexamen aus. Sie sind so sehr viel besser vorbereitet durch Ihren trefflichen Jugendunterricht, als die meisten seiner Schülerinnen, daß ich überzeugt bin, Sie können das Ziel in ein und einem halben Jahre erreichen, besonders wenn ernster Wille und redliche Anstrengung dazu kommen. Nun, haben Sie wohl Mut, diesen Weg zu gehen? Es ist wohl möglich, daß etwas von Ihrem kleinen Notpfennig dabei noch aufgezehrt werden muß; aber ich denke, er trägt so die besten Zinsen.“

Martha konnte nur danken, mit tiefgerührtem Herzen danken für so viel Güte.

„Ist nicht nötig, ist gar nicht nötig“, sagte der Direktor, „es wird ein ganz angenehmer Zuwachs für unsere Familie sein. So, nun schlagen Sie ein! Und nun werde ich dich, liebe Martha, ganz als meine älteste Tochter betrachten, so lange du bei uns bist. Sage du von heute an: Onkel und Tante Werner! da wird es uns allen behaglich sein!“

Martha mußte durch ihre Thränen lächeln, und Suschen, die eben hereingeschlüpft war, umarmte sie so stürmisch, daß sie fast erdrückt wurde. In den Kreis ihrer Geschwister kam bei der Nachricht, daß Martha jetzt hier bleiben würde, eine so freudige Aufregung, daß Suschen und Frau Werner Mühe hatten, sie so ruhig zu erhalten, wie es bei der traurigen Gemütsstimmung ihres Gastes nötig war.

9.
Bei Werners.

Da in H. Wohnungsmangel war, wurde die Wohnung, welche Frau Feldwart innegehabt hatte, noch im Laufe des Monats weiter vermietet. Es kamen für Martha die schweren Tage des Ausräumens, und Suschen half ihr mit Arbeit und Teilnahme, so viel sie immer konnte. Die Kommode der Urgroßmutter, der Nähtisch, Ajax und das Vögelchen wanderten mit zu Werners, um es der Verwaisten dort heimisch zu machen; alle Familienglieder trugen ihr Mitgefühl und Liebe entgegen und suchten ihr dieselbe auf alle mögliche Weise zu zeigen. Dennoch vergingen Wochen, bevor sie sich in den neuen Verhältnissen zurecht fand. Die Stunden kamen nicht selten, wo der Anblick des reichen Familienkreises ihr die eigene Verlassenheit noch deutlicher und schwerer zum Bewußtsein brachte und die Sehnsucht nach ihren Lieben so mächtig erregte, daß sie kaum darüber Herr werden konnte. Die neue, ernste Thätigkeit, in welche sie sofort eingetreten war, half ihr wohl dabei, kostete ihr aber, so gern sie von Jugend auf gelernt hatte, doch oft Überwindung. Ihr Wissen war auf vielen Gebieten reicher, als es für das bevorstehende Examen verlangt wurde, und Doktor W. hatte seine große Freude daran, aber in manchen Dingen war es mangelhaft. Sie hatte, besonders seitdem sie der Schule entwachsen war, volle Freiheit gehabt, zu lernen und zu treiben, was sie innerlich zumeist anzog; jetzt mußte es nun systematisch vorwärts gehen, gleichmäßig in allen Fächern, in ganz bestimmten, ziemlich engen Schranken; das kostete ihrer lebendigen Natur manchen Kampf und manchen Seufzer.

„Wenn ich später Kinder zu erziehen habe, lasse ich ihnen gewiß mehr Freiheit!“ dachte sie. Dennoch konnte sie nicht umhin, anzuerkennen, daß solche ins System gebrachte, fest geregelte Thätigkeit auf den inwendigen Menschen beruhigend wirkt. Auch das Arbeiten in Gemeinschaft mußte sie erst lernen; da sie das einzige Kind war, hatte sie für solche Beschäftigungen ihr Zimmer und vollständige Stille um sich her gehabt. Dies ging bei Werners nicht an, wenigstens jetzt nicht. Der April und der Anfang des Mai brachten rauhe, kalte Luft; man mußte heizen. Im großen Speisezimmer arbeitete der Sekundaner mit Luise und den Zwillingen; der Martha ward an derselben langen Tafel ihr Platz angewiesen. Da zuckte sie manchmal zusammen, wenn sie im Denken und Lernen durch ein unerwartetes Tischbeben oder eine sehr unnütze Bemerkung unterbrochen wurde. Seitdem aber Wilhelm lachend gefragt: „Sind Sie nervös, Martha?“ nahm sie sich sehr zusammen; als nervös mochte sie durchaus nicht gelten; sie fand auch in der That, daß die Gewohnheit sie nach und nach gegen solche Eindrücke weniger empfindlich machte.

„Du arme Martha!“ sagte Frau Werner mitleidig, „im Sommer wird es besser, da kannst du auf deinem Stübchen allein sein.“

„Ach, ich glaube, bis dahin bin ich ganz daran gewöhnt“, sagte Martha freundlich.

„Dann ist es desto besser“, erwiderte die Mama sehr zufrieden; „wir Frauen erlangen ungestörte Muße für unsere Arbeiten nur in den seltensten Fällen, in den glücklichsten Verhältnissen am wenigsten; da ist es ein großes Glück, wenn man lernt, in der äußeren Unruhe die innere Ruhe festzuhalten; stilles Ertragen kleiner Störungen kräftigt mehr als man denkt, und trägt viel dazu bei, den Lebensweg zu ebnen.“