Suschen benutzte diese Ruhestunden, um mit Frau Warburger frische Luft in die verödete Wohnung zu lassen und die Spuren von Staub und Unordnung zu beseitigen, welche ein jedes Begräbnis hinterläßt. Sie stand in ihrem langen, schwarzen Kleide mitten im Sterbezimmer, und während sie mit ruhiger Stimme die Arbeiten der Dienerin leitete, begoß sie die Blumen, die sich in Frau Feldwarts Krankheit durch die Freundlichkeit der Bekannten in Fülle zusammengefunden hatten, lockte das Hündchen an sich, das winselnd unter dem Tische lag und nur schwer zu bewegen war, Milch und Brot aus ihren Händen zu nehmen, und gab hier und da einem verschobenen Gegenstande seine richtige Stellung und Lage wieder.

Pastor Frank, der die Entschlafene zur letzten Ruhestätte begleitet hatte, überraschte sie bei diesem Geschäfte; er kam, um der verwaisten Tochter ein paar freundliche Worte zu sagen. Er hatte die Thür offen gefunden, weil Frau Warburger viel hin und wieder gegangen war, und stand jetzt Suschen gegenüber.

„Es thut mir leid, Herr Pastor!“ sagte diese, „ich kann jetzt Martha nicht rufen; nach vielen durchwachten Nächten schläft sie soeben zum erstenmal sanft; aber sie wird sich gewiß freuen, wenn Sie ein andermal vorsprechen wollen; nur müssen Sie dann zu meinen Eltern kommen, denn meine Freundin wird in der nächsten Zeit bei uns wohnen!“

Der Pastor empfahl sich und Suschen setzte ihre stille Arbeit fort. In der Korridorthür sah sich der Davoneilende noch einmal um: „Sonderbar! das Suschen sah heute recht erwachsen aus mit dem schwarzen Kleide und mit dem ernsten Gesicht; sie ist doch wohl eigentlich kein Kind mehr!“

Direktor Werner hätte der Martha gern noch einige Tage stiller Erinnerung und friedlichen Ausruhens gewährt, aber er bemerkte bald, daß sie sehr unruhig war beim Gedanken an ihre Zukunft, und so fragte er sie, als sie an einem der nächsten Morgen ihm und seiner Frau nach dem Frühstück allein gegenüber saß: „Nun, liebes Kind, nun lassen Sie uns erfahren, was Sie für Ihre Zukunft denken und wünschen.“

Martha sah ihn traurig an: „Was soll ich denken? Meine Nahrungsquelle versiegt jetzt, denn die Leibrente der Mutter ist mit ihrem Tode verfallen; mir bleibt nichts übrig, als mir so schnell als möglich eine Stelle zu suchen als Jungfer oder Stütze der Hausfrau, oder“ — setzte sie etwas zögernd hinzu — „vielleicht könnte ich in ein Diakonissenhaus gehen!“

„Das ist ein schöner Beruf“, sagte der Direktor ernst; „aber haben Sie früher wohl jemals daran gedacht, denselben zu ergreifen?“

„Nein“, erwiderte Martha aufrichtig.

„Nur um eine Versorgung zu haben, geht man nicht in ein Diakonissenhaus, da gehört ein tieferer Beruf dazu. Ich meine, liebes Kind, man muß bei solcher Überlegung die Fingerzeige Gottes beobachten. Meinem Suschen habe ich gestern noch ganz ernstlich abgeredet, Lehrerin zu werden; ihre Befähigung weist auf andere Gebiete hin; ich könnte sie mir eher als Diakonisse, ja als Stütze der Hausfrau denken; Ihnen aber möchte ich dringend raten: Werden Sie Lehrerin! Sie haben vom lieben Gott genau die Gaben erhalten, die zu einer solchen Wirksamkeit gehören, während man Ihnen als Stütze der Hausfrau wenigstens in der ersten Zeit noch anmerken würde, daß Sie bei dergleichen Beschäftigungen nicht aufgewachsen sind.“

Martha seufzte: „Wie gern würde ich Ihrem Rate folgen! Aber ich müßte doch erst ein Examen machen; das kostet Geld — woher soll ich das nehmen?“