Martha wunderte sich, als die Tage anfingen, länger zu werden, und die Sonnenstrahlen früher durchs Fenster blickten. Frau Feldwart freute sich daran, — Martha sah es mit Bangen; sie wußte, daß der März das letzte welke Laub von den Bäumen schüttelt. Wenn sie die Angst der Mutter sah, sehnte sie sich mit ihr nach Erlösung; aber was dann aus ihr selbst werden sollte — in diesen Gedanken durfte sie sich gar nicht hineinwagen.
Stellte sie sich einmal ganz ihre verlassene und hilflose Lage vor, so kam wohl der Gedanke an Pastor Frank, an das friedliche und geschätzte Leben unter seinem Dache wie eine Versuchung über sie. Aber nein! Sie konnte nicht bereuen, was sie gethan hatte; immer wieder trat vor ihr inneres Auge das Bild ihres Siegfried; daneben hatte kein anderes Platz!
Es war ein ganz wunderlieblicher 1. März; die Sonne schien so erwärmend und freundlich auf die schwellenden braunen Knospen, als könne sie es kaum erwarten, dieselben zu sprengen. Frau Feldwart war durch eine schwere Angstnacht gegangen; jetzt, gegen Mittag, ließ sie die Fenster öffnen und atmete mit sichtlicher Erleichterung und Freude die linde Frühlingsluft ein.
„Vielleicht könnte ich jetzt ein wenig schlafen“, sagte sie, „versuche du es auch, Martha! du wachtest die ganze Nacht.“
Martha richtete der Mutter die Kissen zurecht; diese zog ihren Kopf zu sich hernieder und sagte freundlich: „Gott segne dich, mein liebes, liebes Kind! Gute Nacht!“
Es war nicht Nacht, es war heller, strahlender Tag; Martha zog sorglich hinter den offenen Fenstern die Gardinen zu, setzte sich in den Lehnstuhl und beobachtete noch eine Weile den Schlummer der Mutter, der sehr süß und fest zu sein schien; und wie sie auf das friedlich ruhende Angesicht blickte, verschleierten sich allmählich auch ihre Gedanken, allerlei Traumbilder umgaukelten sie; nach kurzer Zeit schlief sie so fest, wie die Mutter ihr gegenüber. Doch nein! so fest schlief sie nicht, denn als sie nach einer Stunde erwachte und auf den Zehen näher schlich, um nach der lieben Kranken zu sehen, da lag diese noch ebenso friedlich und freundlich da, aber das Antlitz war marmorweiß, kein Atemzug hob mehr die sonst so gequälte Brust, und die Hände, die auf der Decke lagen, waren erkaltet. Es währte lange, bis es der armen Martha ganz zum Bewußtsein kam, daß die Mutter dahin gegangen, wo kein Leid, kein Geschrei und keine Qual mehr ist.
Als es ihr endlich zur Gewißheit wurde, schrie sie nicht auf, sie klingelte nicht um Hilfe; sie kniete am Bette, schickte ihre Seufzer zu Gott hinauf und weinte heiße, recht heiße Thränen. Sie wußte ihre Eltern am Throne Gottes vereint, aber sie war allein gelassen auf Erden und fühlte das mit tiefem, tiefem Schmerz.
Suschen, die einzige, die stets einen Drücker zur Korridorthür hatte und unbemerkt kommen und gehen konnte, fand sie so. O, wie herzlich weinte sie mit ihr! Dann rief sie ihre Eltern, und als Frau Werner Martha in die Arme schloß und ihr Gemahl so warme, teilnehmende Worte sprach, fühlte das verwaiste Kind, daß es doch nicht ganz verlassen sei.
Der Direktor besorgte mit großer Aufopferung all’ die schweren Außendinge, die ein solcher Todesfall mit sich führt; seine Frau sagte: „Du kommst jetzt mit uns, liebe Martha. Sobald die Frau kommt, die dazu beauftragt ist, helfe ich dir mit Suschen zusammen, deiner lieben Mutter die letzten Dienste zu erweisen; denke du jetzt an nichts weiter, als daß deine Mutter im Himmel und unser Herrgott ein Vater der Waisen ist; alles andere findet sich zu seiner Zeit; jetzt wohnst du bis auf weiteres mit in Suschens Stübchen.“
Das Begräbnis war vorüber; Martha hatte sich bis dahin wunderbar aufrecht gehalten, aber es war noch kein Schlaf wieder in ihre Augen gekommen. Sie hatte sich sehr getröstet gefühlt durch Pastor Wohlgemuths glaubensvolle Grabrede über den Text: „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt.“ Aber als sie nun an Suschens Arme langsam nachhause ging, kam eine solche Abspannung und Müdigkeit über sie, daß Frau Werner sie sogleich nach dem freundlichen Schlafstübchen führte; schon während des Auskleidens fielen die nassen Augen zu, und als die mütterliche Freundin noch ein Weilchen mit gefalteten Händen am Bette ihres Pfleglings stand, hörte sie schon die sanften Atemzüge, welche den Schlummer der Kindheit und Jugend zu begleiten pflegen.