„Nein, Mama, heute bleiben wir zusammen.“

Leise Schritte näherten sich bald darauf. Martha sah hinaus; es waren Suschen und Luischen: „Dürfen wir nur einen Augenblick kommen und bescheren?“

Frau Feldwart hatte die freundliche Frage gehört: „Ja, kommt nur!“

„Ja, aber da müssen Sie und Martha die Augen schließen, bis wir sagen: ‚Nanu!‘“

Es ward bewilligt. Ein leises Flüstern und ein süßer Duft ging durchs Zimmer. Als die Augen sich öffnen durften, sahen sie auf einen wunderbar schönen, blühenden Rosenstock; darunter lagen neben allerlei zierlichen Näschereien Gerocks erbauliche Lieder und ein von Suschen feingestricktes Kopftuch für Martha.

Gerührt wurden die schönen Gaben bewundert; Frau Feldwart war sehr freundlich: „Nun singt mir aber: ‚Es ist ein Ros’ entsprungen‘, das gehört zu dem schönen Rosenstrauch.“

Sie thaten das sehr gern und Martha sang mit. Als Suschen bat, hier bleiben zu dürfen, damit Martha etwas hinüberginge unter den Weihnachtsbaum, schlug es diese dankbar und freundlich ab; sie fühlte, daß es so besser sei! Aber es wurde ein friedlicher Abend, weihnachtlich im höchsten und schönsten Sinne.

„Vielleicht feiere ich übers Jahr droben mit deinem Vater!“ sagte Frau Feldwart und sah sehr fröhlich dabei aus.

Marthas Gedanken wanderten, wohin sie oft gingen — zu Siegfried! Sie wußte nicht mehr, was sie denken und wo sie ihn suchen sollte; aber sie bat, daß Gott ihm einen schönen, gesegneten Weihnachtsabend schenken möge, und die Gewißheit kam als ein süßer Trost über sie, daß ihr Vater droben im Himmel, ihre Mutter auf dem Krankenlager, Siegfried in der weiten Ferne und sie selbst mit ihrem betrübten, zagenden Herzen, alle in einer Vaterhand ruhten, sich alle des einen heiligen Christ getrösten und hoffen durften, nach dieser Zeit Leiden in eine selige Heimat einzuziehen, wo keine Trennung und kein Schmerz mehr sein wird. Beide, Mutter und Tochter, fühlten es als eine große Wohlthat, daß nun das Wort ausgesprochen war, vor dem sie sich immer gefürchtet hatten, daß sie nun offen und gemeinsam dem entgegensahen, was kommen sollte, und sich auch gemeinsam dazu stärken konnten. Es kamen ernste, sehr schwere, aber friedliche Tage, während in der Nacht mehr und mehr ein Angstanfall den anderen ablöste, so daß sich Martha nach Beistand umsehen mußte. Wenn es sich mit ihren Botengängen vereinigen ließ, blieb Trude manchmal eine Nacht; dann durfte Martha ruhig schlafen, denn die Kranke fühlte sich bei ihr geborgen wie ein Kind im Mutterarm; aber dies konnte doch nur selten geschehen. Da bot sich die Warburgerin zur Hilfe an, und je kränker Frau Feldwart wurde, desto mehr war ihre gleichmäßige Ruhe und große Körperkraft am Platze, mit der sie die Kranke hob und zurechtlegte, während ihre Heiterkeit und Frische die Krankenstube zu erhellen schien.

Man denkt oft, Tage, die so einförmig unter Sorge und Not hinfließen, müssen langsam vorübergehen; o nein! das Gegenteil ist der Fall. In diesem steten, stillen Aufmerken und Sorgen für den nächsten Augenblick vergeht die Zeit unmerkbar wie im Fluge.