Jakob von Schenna war reicher und mächtiger als seine Brüder Estlein und Petermann. Er hatte sieben feste Schlösser, neun Gerichte und Pflegen, weiten Besitz an Weingütern, Gerechtsamen, Zöllen, Geld. Er pflegte von diesem Besitz wegwerfend und mit einer gewissen Ironie zu sprechen. Aber er hing daran, streichelte liebkosend das Laub seiner Reben, den besonnten Stein seiner Schlösser. Dies waren seine Reben, seine Burgen. Zwar war Besitz und Geltung an sich verächtlich; aber leider machten einem die Menschen das Leben zu unbequem, hatte man die beiden nicht. Oft sprach er dem Kind davon, wie übel der tirolische und kärntnische Adel den guten König Heinrich ausbeute. Leider mußte er mittun, sonst hätte eben seinen Teil ein anderer, weniger Würdiger an sich gerafft. So beutete denn auch er aus, skeptisch, mit gelassenem Bedauern und voll von Mitleid mit der gerupften Majestät.

Seine Schlösser waren die schönsten und gepflegtesten des Landes in den Bergen. Die Schlösser der andern waren nur auf Sicherheit und Festigkeit gebaut; innen waren sie ungemütlich, ihre Gelasse klein, feucht, dunkel, ohne Luft, kellerig, überall stand der Stank der Ställe. Seine Burgen, vor allem seine Lieblingssitze Schenna und Runkelstein, waren hell und voll Sonne. Italienische Architekten hatten sie gebaut; sie waren angefüllt mit schönen Dingen, Teppichen und Zierat. Während die Mauern der andern notdürftig geweißt waren und höchstens die Wände der Kapelle Heiligenbilder trugen, hatte er seine Säle von deutschen und italienischen Meistern mit Fresken ausmalen lassen. Ja selbst die äußere Südwand seiner Lieblingsschlösser trug solche Malerei. Bunt und hell schritt der Ritter mit dem Löwen, Tristan fuhr auf seinem Schiff, Garel vom blühenden Tal erlebte seine Abenteuer.

Herr von Schenna liebte sehr die Verse, die diese Geschichten erzählten. Margarete wußte nichts damit anzufangen. Sie begriff die lateinischen Verse, die der redselige Abt von Viktring so gern zitierte, verstand Horaz, die Äneis. Das war Sinn, Gesetz, Würde, strenge Bindung. Aber diese deutschen Verse schienen ihr Tollheit, nicht besser als die wüsten Einfälle ihrer Hofnarren und Hofzwerge. War es eines ernsthaften Menschen würdig, Dinge, die niemals waren und nie sein werden, in verrenkten Worten zu erzählen? Herr von Schenna suchte ihr begreiflich zu machen, daß diese Menschen, die Tristan und Parzival und Kriemhild, lebten und wirklich waren, so oft einer sie las und spürte. Aber dies wollte sie nicht wahr haben. Seine Geschichten blieben für sie bunte, widerwärtige Lügen; sie begriff nicht, daß der gescheite, ernsthafte Mann an solchen Windbeuteleien Freude haben konnte.

Den Kaiser hatten die raschen Fortschritte Johanns in Italien tief beunruhigt. Auch der führende Habsburger, der lahme, kluge, verbitterte Albrecht, sah mit wachsendem, knirschendem Ingrimm das leuchtende Lombardische Reich Johanns aus dem Nichts sich heben. Wie, sollte durch eine freche Wendung der leichtsinnige, unernste Luxemburger sie, die Ernsthaften, Gewichtigen, von der Macht drängen, sich über sie hinausheben? Sie blinzelten einander zu, der schwerfällige, langsame Bayer, der zähe, bittere Habsburger. Sie hatten sich immer gehaßt. Aber sowie der Dritte sie überflügeln wollte, einte sie das gegen ihn. Sie schlichen zusammen, Ludwig, der große, langnäsige Wittelsbacher mit dem massigen Nacken und den riesigen blauen Augen, Albrecht der Lahme mit den verkniffenen Lippen. Sie berochen sich, nickten sich zu, schlossen Übereinkunft.

Legten fest, das südliche Reich müsse den Luxemburgern entrissen werden. Sterbe König Heinrich, so solle Kärnten an die Habsburger, Tirol an die Wittelsbacher fallen. Kaiser Ludwig sicherte ebenso feierlich wie ein Jahr zuvor den Luxemburgern jetzt den Habsburgern die Erbfolge in Kärnten zu. Was die Lombardei betraf, so verbanden sie sich mit anderen, gemeinsam herzufallen über den Luxemburger. Der Kaiser berief seine pfälzischen Vettern, Johann am Rhein zu beunruhigen, seinen Eidam von Meißen, seine Söhne Ludwig den Brandenburger, Stephan. Der Herzog von Österreich mit den Königen von Ungarn und Polen sollte in Mähren einfallen.

Der Luxemburger unterdes regierte königlich im toskanischen Frühling. Er ließ seine Söhne kommen, den älteren, Karl, den jüngeren, Johann. Der hatte keine Lust. Margarete erbot sich, ihn zu vertreten.

Sie fuhr mit kleinem Gefolge – Chretien de Laferte führte es – in den lombardischen März hinein. Am Ufer satt leuchtender Seen, Oliven silbern die Hänge hinauf, dunkle Haine von Zitronen und Orangen. Narzissenfelder. Rosige, helle Mandelblüten. Bunte, lärmende Städte, Paläste, rasche, laute Menschen. Vor der Stadt des Bischofs von Aquileja, dessen Schirmvogt ihr Vater war, das Meer, die schaukelnden, kühnen Schiffe, die Ferne, endlos, abenteuerlich.

Der strahlende Triumph Johanns. Seine Feste, unter dem hellen Himmel doppelt freudig und sinnvoll. Die prunkenden, blühenden, überstolzen Frauen. Sie kam sich sehr allein und elend vor, hielt sich fern von den jungen Frauen, zeigte sich nur in der Gesellschaft alter, reizloser. Doch auch von diesen fühlte sie sich verachtet, bestenfalls bemitleidet. Sie waren nun welk und dürr; aber sie hatten doch einmal geblüht. Sie war in ihrer Blüte kahl und ohne Reiz. Unter diesem Himmel galt es noch weniger, daß sie klug war und von edelstem Blut und wissend. Unter diesem Himmel sah man nur das eine, immer nur dies: daß sie häßlich war.

Sie war nicht feig, verkroch sich nicht, schluckte die ganze Bitterkeit solcher Erfahrung. Erschien bei Tafel, in der Loge beim Turnier, beim Tanz. Sah, wie beim Anblick des jungen adeligen Chretien, der hinter ihr schritt, die Lippen der Frauen sich öffneten, ihre Blicke voller wurden, verlangender, gewährender; wie sie dann abschätzig, höhnisch über sie selber glitten, den äffisch sich vorwulstenden Mund, die fahle, widerwärtige Haut. Sie wandte den Blick nicht ab vor solchem Hohn; kühl und so wissend begegneten ihre Augen den Höhnischen, daß die, fast beschämt manchmal, abließen.