In Brescia traf Margarete zum erstenmal den Prinzen Karl, Johanns ältesten Sohn. Der Sechzehnjährige sah sehr erwachsen aus. Er hatte in Böhmen schon Regierungsgeschäfte selbständig erledigt, war beherrscht und gemessen. Von der Mutter hatte er gelernt, sich von dem Glanz des Vaters nicht blenden zu lassen. Mit seinen kühlen braunen Augen sah er Margarete, sah, daß sie häßlich war und gescheit. Man konnte mit ihr reden. Und während Johann im Palast der Signoria mit der wunderschönen Giuditta von Castelbarco den Tanz anführte, während festliche Kerzen brannten, so schwer, daß drei Männer nur mit Mühe sie hatten heben können, sprachen die beiden Kinder, des Königs Sohn und des Königs Schwiegertochter, unter Musik, Fahnen, silbernen Rittern, huldigenden Unterworfenen, nüchtern, sachlich von der Rückwirkung der lombardischen Ereignisse auf die Souveränität des Bischofs von Trient, von der schwierigen Finanzlage.

Bis in den Juni hinein dauerte Johanns festliche Herrschaft in Italien. Margarete, trotz aller Kritik, konnte sich der theatralischen Blendung dieses Triumphzugs nicht entziehen. Dann wurden die Nachrichten aus Deutschland und Böhmen so bedrohlich, daß Johann jäh aufbrach, seinen Sohn Karl zurückließ, sich nach Böhmen warf. Hinter ihm, sofort und unvermittelt, brach sein abenteuerliches Italienisches Reich zusammen. Mit großen, erschreckten Augen sah Margarete, wie die lombardischen Herren, kaum war der König fort, aufwachten wie aus einem Rausch, sich zusammenschlossen, mit Robert von Apulien zettelten, trotz tapfern und geschickten Widerstands des Prinzen Karl die Luxemburger in wenigen Wochen aus dem Land warfen. Zersprengt, trist, schmachvoll, schwitzend flohen die silbernen Ritter aus der Lombardei, über der glühender Sommer braute. Johann verpfändete in aller Eile noch während des Zusammenbruchs, übel feilschend, an einzelne leichtgläubige deutsche Herren italienische Städte, die er längst verloren hatte. Aber er konnte mit diesen Summen nur einen ganz kleinen Teil decken von den riesigen Beträgen, die der toskanische Feldzug ihn gekostet hatte. Und nach langen Jahren noch, in Paris, in Prag, in Trier, wo er gerade residierte, erschien schattenhaft, unscheinbar, oftmals sich neigend, Messer Artese, der Florentiner, mit seinen beiden Brüdern und zeigte Verschreibungen vor, Wechsel, die einzigen Bleibsel des lombardischen Königreichs.

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Seltsamerweise gewann Johanns italienisches Abenteuer gerade durch seinen Zusammenbruch für Margarete an Gewinn und Wirklichkeit. Nun war es vergangen und abgeschlossen, nun war es Geschichte, nun war es da. Ja, sogar die Verse des Herrn von Schenna, seine unglaubhaften Historien wurden dadurch leibhafter, wirklicher. Was König Johann in der Lombardei getan und erlebt hatte, das klang wie eine jener Fabeln. Und war doch wirklich, sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.

Praktisch galt es, sich nicht verwirren zu lassen. Nahm man die Dinge nüchtern und klar, so war Johann an seinem Geldmangel gescheitert. Geld war nicht alles; aber es war ungeheuer wichtig. Schade, daß ihr Vater das ebensowenig einsah, wie ihr Schwiegervater. Sie sprach oft mit Johann von Viktring darüber. Da war der Heilige Vater ein anderer. Der saß, der zweiundzwanzigste Johann, zwerghaft, uralt, in seinem Palast in Avignon und häufte Geld. Schichtete es in Münzen, in Barren, in Silber und Gold, in Wechseln und Verschreibungen. Ei, wie luchste er scharfen Auges, daß auch jeder pünktlich Zehnten und Abgaben zahle. War ein Bischof im Rückstand, gleich kam der Papst mit dem Bann. Der arme Bischof Heinrich von Trient! Was nützte ihm sein eifriger Kampf für das rechtmäßige Papsttum! Weil er die sechshundertvierzig Dukaten nicht aufbringen konnte, die Avignon von ihm verlangte, flog der Bannstrahl gegen ihn. Und wie geschickt wußte der Papst die hohen Kirchenstellen zu besetzen! Jeder neue Bischof hatte die Gesamteinkünfte eines ganzen Jahres an die Kurie zu verabfolgen. Starb nun ein Bischof, so ward nicht etwa ein neuer Prälat an seine Stelle gesetzt, nein, der Papst berief den Inhaber eines andern Bistums in das erledigte, so daß mit dem Tod jedes Bischofs eine ganze Reihe päpstlicher Lehen frei ward. So war ein ewiger Wechsel in der hohen Hierarchie, ein Kommen und Gehen wie in einer Herberge, und der Heilige Stuhl bezog die fettesten Annaten. „Umsatz! Umsatz!“ sagten der Papst und seine Kassiere. Ja, Papst Johann verstand es. Kein Wunder, stammte er doch aus Cahors, der Stadt der Bankiers und Börsenleute. Der größte Teil des abendländischen Goldes floß in seine Kassen. Der Papst hing an dem Geld; er brachte es nicht über sich, es weiterzuverwerten. Er hätte Rom und Italien damit wiedererobern können. Aber er liebte sein Geld zu sehr, er konnte sich nicht davon trennen. Er saß in seinem Avignon, uralt, gnomenhaft klein, über seinen Schätzen, streichelte die Wechsel und Verschreibungen, ließ das Gold rieseln durch seine dürren Zwergenfinger.

Verdarb sich der kluge, energische, rastlose Papst seine Politik durch seine Habgier, so litt die Diplomatie des Kaisers sowohl wie des Luxemburgers und des Kärntners an ihrer Leichtherzigkeit in Finanzdingen. Aufmerksam hörte Margarete zu, wenn ihr der Abt auseinandersetzte, wie klar und sicher ihr Großvater Meinhard seine Geldwirtschaft fundiert hatte. Trüb und stirnrunzelnd sah sie zu, wie ihrem gutmütigen Vater alle Einkünfte in der Hand zerrannen. Wie er, um ein Pfand vor dem Verfall zu retten, immer größere und wichtigere hingab.

Auch ihre Stiefmutter, die blasse, scheue Beatrix von Savoyen, litt sehr unter der wilden Finanzwirtschaft König Heinrichs. Sie war von ihren tüchtigen Eltern her ein sparsames Haushalten gewöhnt, und so scheu und bescheiden sie sich sonst im Schatten hielt, lag sie schließlich ihrem Gatten ständig in den Ohren wegen seiner Verschwendung. Sie war kränklich; König Heinrich sah ergeben und voll wässerigen Kummers, daß er auch von ihr keinen Erben zu erwarten habe. Sie aber gab die Hoffnung nicht auf. Sie rechnete, sie sparte, ließ sich von ihrem Mann Zölle und Gefälle verschreiben, erreichte es sogar, zäh kämpfend, daß nach Abfindung des Messer Artese von Florenz die Einkünfte des Haller Salzbergwerks ihr übertragen wurden. Sie wurde hart, habgierig, knauserig, alles für ihren Sohn, auf den niemand mehr hoffte, nur sie.

Oft beriet sie mit Margarete, wie man da und dort den übeln Finanzen aufhelfen könne. Trotzdem Margarete solches Bestreben willkommen war, sah sie säuerlich und mit Widerwillen auf ihre Stiefmutter. Wie dürftig sie war, wie unfürstlich verstaubt und trocken bei aller Jugend! Margarete gestand sich nicht ein, daß dies nicht der Hauptgrund war, aus dem sie ihre Stiefmutter nicht leiden mochte. Die war sanft und freundlich zu ihr, fühlte sich ihr schicksalhaft verwandt. Sie hatte keinen Sohn, jene, die Ärmste, war so häßlich. Beide hatte sie Gott in ihrem Weiblichsten gekränkt und verkümmert. Aber Margarete wollte nicht hinüber zu ihr, drückte ihre streichelnde Hand nicht wieder. Denn Beatrix stand zwischen ihr und der Herrschaft. Was sonst blieb ihr, der Häßlichen, als die Hoffnung auf Herrschaft? Genas aber Beatrix trotz allem eines Knaben, dann war auch dies Letzte dahin.

König Heinrich duldete die Bevormundung durch seine Gattin lächelnd und mit scherzhaft sich auflehnendem Raunzen. Nur in einem duldete er keine Einrede, und dahin wagte sich auch Beatrix niemals: seine Freigebigkeit gegen die zahlreichen Frauen, die ihm gefielen, und gegen ihre Kinder blieb ohne Grenzen.

Wie er seine natürlichen Brüder, Albrecht von Camian und Heinrich von Eschenloh, in hohen Ehren hielt und sie mit Titeln, Würden, Herrschaften reich begabte, so wuchsen auch auf allen seinen Schlössern und Gütern Kinder von ihm heran. Er war viel zu gutmütig, Beatrix einen Vorwurf zu machen. Immerhin tat es ihm wohl, sich zu sagen: es lag nicht an ihm, wenn er keinen Erben hatte; es war Pech, schlechter Stern. So ging der alte Lebemann stolz und gehoben durch das blonde, schwarze kleine Gewimmel seiner Kinder. Er tätschelte sie gerührt: „Das da hat meine Augen! Und der da meine Nase.“ Von einem Großen: „Er geht gerade wie ich. Der holt sich noch viele Preise im Turnier!“ Einen ganz kleinen Matz, der noch kaum aussah wie ein Mensch, hob er hoch: „Er hat ganz genau mein Gesicht.“ Und er verhätschelte die Kinder, schenkte ihnen Spielzeug, Zuckerwerk, auch Wiesen, Wälder, Berge, Schlösser.