Der alternde König Heinrich – ganz Europa ließ ihm gutmütig und ohne Spott den Königstitel, trotzdem er sein Königreich Böhmen längst verloren hatte und nur mehr die Grafschaft Tirol und das Herzogtum Kärnten besaß –, ritt mißmutig zwischen den Zelten. Er hatte in der Abtei Wilten ein kleines Frühstück genommen, gebackene Forellen in Ingwer gesotten, Hühner in Mandelmilch, zum Nachtisch Gratias und Konfekt. Aber sie verstanden sich in Wilten nicht auf wirklich erlesene Küche: die Nuancen fehlten. Der Abt war ein wackerer, beflissener, gescheiter Herr und ein guter, verwendbarer Diplomat, aber von den Nuancen der Küche verstand er nichts. Ihm jedenfalls, dem König, hatte es nicht geschmeckt, und während sonst nach dem Essen seine Laune sich zu heben pflegte, war sie jetzt noch trüber als zuvor. Er ritt das kleine Stück Weges nach Innsbruck ohne Rüstung. Die knappe, modische Kleidung beengte ihn; es war nicht zu leugnen, er wurde jetzt von Monat zu Monat fetter. Aber er war ein weltmännischer, ritterlicher Herr; er saß prächtig auf seinem edlen, geschmückten Pferd und ließ sich von den unmäßig langen, weiten Ärmeln nicht behindern.
Leichter Wind ging, flockte den Schnee auf, bauschte die Zeltwände, ließ sie flattern, klatschen. Das kleine Gefolge war zurückgeblieben, der König ritt allein, langsam, lässig. Beschaute verdrießlich die weitläufigen, festlichen Anstalten. Seine glattrasierten Backen hingen schlaff, träg und fett, der Mund baute sich vor, groß, häßlich, mit gewulsteter, mächtiger Unterlippe. Seine hellen, wässerigen Augen gingen verärgert über die Stadt aus Leinen, über die Tribünen, die Schranken der Arena. Er war gewiß ein gutmütiger, verträglicher Herr. Aber schließlich hatte auch seine Langmut Grenzen. Nun hatte Johann, der Luxemburger, ihn zum zweitenmal zum Narren gehabt: ihm zum zweitenmal die Braut zugesagt, alles feierlich abgesprochen – ihn zum zweitenmal sitzen lassen.
Er schnaubte, sein Atem blies durch die kleine, platte Nase, stand in starken Dunstwolken in der kalten, nebligen Schneeluft. Eigentlich war er Johann, dem Luxemburger, trotz allem nicht böse; es fiel ihm überhaupt schwer, jemandem böse zu sein. Johann hatte ihn schmählich aus Böhmen hinausgejagt, so daß von seinem Königtum nur der leere Titel blieb; aber er hatte sich von dem liebenswürdigen, eleganten Mann mühelos wieder versöhnen lassen, als der ihm finanzielle Entschädigung und die Hand seiner schönen, jungen Schwester Maria bot. Auch als der Luxemburger sein Versprechen nicht halten und seine Schwester nicht zu der Heirat überreden konnte, hatte er weiter kein großes Gewese gemacht und sich bereit erklärt, mit der andern Braut vorliebzunehmen, die der Luxemburger ihm vorschlug, mit Johanns Kusine Beatrix von Brabant. Doch daß jetzt auch die ausblieb, das war zuviel. Der Bartholomäustag, an dem sie hatte eintreffen sollen, war längst vorbei; Johanns liebe Muhme von Brabant war nicht gekommen, die schönen Zelte auf den Wiltener Feldern warteten vergebens. Der Luxemburger wird gewiß wieder eine zierlich gedrechselte Ausrede wissen. Allein diesmal wird sich König Heinrich nicht so glatt beschwichtigen lassen. Auch die Langmut eines vielgeprüften christlichen Königs hat ihr Maß und Ziel.
Er wippte ärgerlich mit der kostbar verzierten Reitgerte. Er erinnerte sich sehr deutlich, wie er zuletzt mit Johann zusammengewesen war, im Mai, und alles abgesprochen hatte. Der Luxemburger, das mußte man zugeben, war in fabelhaft eleganter Aufmachung erschienen. Er trug, ebenso wie alle Herren seines Gefolges, die neueste Tracht, die eben in Katalonien und Burgund aufgekommen war, und die man in Deutschland noch nie gesehen hatte: ungeheuer enge, knappe Kleider – man brauchte zwei Diener, um sie über die Glieder zu zerren – aus vielfarbigem Stoff, mit Schachbrettflicken besetzt, weite Ärmel, fast bis zu den Knien herabhängend. Er selber, König Heinrich, legte größtes Gewicht auf modisches Auftreten; doch der Luxemburger – es war nicht zu bestreiten – war ihm über. Alle die böhmisch-luxemburgischen Herren – wie sie es nur in der kurzen Zeit hatten fertigbringen können! – hatten auch bereits die neue Haartracht getragen: Vollbart und langes Haar an Stelle des glattrasierten Gesichts und des kurzen Haarschnitts, wie es seit seinem frühesten Erinnern, ja wohl seit der Stauferzeit, Kavaliersitte gewesen war. Es hatte ihn wirklich überrascht und ihm imponiert, wie sicher und selbstverständlich der Luxemburger über Nacht in die neue Mode hineingewachsen war. Er hatte denn auch voll heimlicher Bewunderung mit Johann nur über Fragen der Mode gesprochen, dazu über Frauen, Pferde, Sport, und die Politik und die zu erledigenden geschäftlichen Fragen der Hochzeit seinen Räten überlassen. Seine Herren, der behutsame, ergebene Abt von Wilten, der vielbelesene, beredte Abt Johannes von Viktring, sein stattlicher Burggraf Volkmar, seine lieben, klugen Herren von Villanders, von Schenna verstanden diese peinlichen, langweiligen Gelddinge ja wirklich viel besser als er selber, in ihren treuen und gewandten Händen lag die Abfassung des Vorvertrags viel sicherer. Er hatte sich darum auch auf das Gesellschaftliche beschränkt, und wenn König Johann die Vorzüge der Pariser und Burgunder Damen pries, mit denen er zu abenteuern liebte, so hatte er dem die festen Reize der Tirolerinnen entgegengehalten, die er sehr, aber sehr genau und aus immer neuer Anschauung kannte. Schließlich hatte ihm dann sein lieber Sekretär, der Abt Johannes von Viktring, den fertigen Vorvertrag vorgelegt, hatte einen lateinischen Vers zitiert: „Und so wäre denn dieses zum schönen Ende beschlossen,“ hatte versichert, jetzt sei alles gut und erledigt, er werde bestimmt zu Bartelemi die Braut und dreißigtausend Mark Veroneser Silbers bekommen. Und da war er nun und ritt herum auf seinem Festplatz. Die Zelte waren da, die Fahnenstangen, der Turnierplatz – aber keine Braut und kein Geld.
Am Wege des Königs stand ein kleiner Knabe. Er hatte das Pferd nicht kommen hören; er hockte eifrig und angestrengt im Winkel eines Zeltes, hatte den Rock hochgehoben, verrichtete seine Notdurft. Der König ergrimmte über solche Besudelung seines Hochzeitsplatzes, schlug nach dem Knaben. Gleich aber, wie der losheulte, hatte er Mitleid, bereute, warf ihm eine Münze zu.
Nein, es ging wirklich so nicht länger. Wie da die Zelte standen und warteten, das war seiner Majestät unwürdig. Er wird Schluß machen mit dem Luxemburger und seinen windigen Projekten. In Innsbruck trifft er den Österreicher, den Herzog, den lahmen Albrecht. Mit dem wird er Kontrakt schließen, sich von dem Österreicher die Braut verschreiben. Ist er auf Luxemburg angewiesen? Gotts Marter! Was ihm Luxemburg nicht schaffen kann oder will, das wird ihm Habsburg schaffen.
Er war nicht geneigt, Verdruß lang in sich zu halten. Sowie er seinen Entschluß gefaßt hatte, ließ er den Ärger in die freie, kalte, fröhliche Gottesluft hinaus. Er sah mit ganz anderen, lustigen Augen auf den festlichen Aufbau ringsum. Lacht ihr nur! Der wird jetzt bald seinen guten Sinn haben. Er richtete sich höher, pfiff ein kleines, keckes Lied, spornte sein Pferd, daß seine Herren sich beeilten, ihm nachzukommen.
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Die fünf Herren des engsten Gefolges hatten, die weitläufige Zeltstadt durchreitend, halbe, andeutende, lächelnde Sätze über die verzögerte Hochzeit des Königs getauscht. Sie waren alle fünf weit begabter als ihr Herr, sie quetschten ihn, vor allem der brutale Burggraf Volkmar, nach Kräften aus, preßten ihm immer neue Belehnungen, Herrschaften, Steuerverpachtungen ab. Aber bei alledem hingen sie in ihrer Art an dem gutmütigen, sanguinischen, bequemen Fürsten. Er war ein freigebiger Herr, fromm, ein guter Kumpan, geneigt zu Festen und Sport, den Frauen zugetan; er liebte modische Kleider, jegliches Behagen, er hatte auch Phantasie, war für jedes Unternehmen leicht zu haben; nur pflegte er rasch zu erlahmen, hielt nicht durch. In einer Zeit, in der alle Politik so ganz von der Persönlichkeit des Fürsten abhing, hatte ein solcher Herr nicht gerade die besten Aussichten, und seit dem böhmischen Abenteuer war er für die große europäische Politik auf alle Zeit erledigt. So wenig er das ahnte, so genau wußten das die Herren. Sie wußten: mit ihm wurde Politik gemacht – nicht er machte sie.
Aus diesem Wissen heraus überschauten sie auch die Heiratspläne Heinrichs, und die wartenden Zelte hatten für sie einen sehr anderen, ironischeren Sinn als für den guten König.