Am Hebel der Geschicke des Römischen Reichs saßen drei Fürsten. Der rasche, glänzende, schillernde Johann von Luxemburg-Böhmen, der schwere, schwankende Ludwig von Wittelsbach, der zähe, weitsichtige Albrecht von Habsburg, den seine Lähmung hart und zum Lenker seiner mitregierenden Brüder gemacht hatte. Die drei Fürsten waren gleich an Macht, streckten die Hand nach der Herrschaft über das Reich und die Christenheit, saßen gespannt, belauerten sich. Äugten nach dem Land in den Bergen, nach Kärnten und Tirol, wo Heinrich saß, der alternde Witwer ohne männlichen Erben. Hier war eine Möglichkeit, die einzige, Macht und Besitz entscheidend zu mehren. Das Land in den Bergen, das reiche, schöne, fruchtbare berühmte Land, dehnte sich von den burgundischen Grenzen bis zur Adria, von der Bayerischen Hochebene in die Lombardei. War die Brücke von den österreichischen Besitzungen der Habsburger zu ihren schwäbischen, von Deutschland nach Italien, der Schlüssel zum Imperium. Seinen Herrn, den gutmütigen, alternden Lebemann zu gewinnen, zu beerben, schien jedem der drei Fürsten erreichbar. Sie stellten seine Sehnsucht, zu seinen vielen unehelichen Söhnen und seinen beiden ehelichen Töchtern einen echten männlichen Erben zu haben, in ihre Rechnung, lockten ihn mit seinen Heiratsplänen.
Die fünf Herren, die drei Ritter in ihren Rüstungen, die beiden Äbte in Reisekleidern von sehr weltlichem Schnitt, lächelten, wenn sie daran dachten, wie König Heinrich diese Zusammenhänge nicht sehen, wie er sie vor sich selber verstecken wollte. Er tat, als mühten sich der Luxemburger, der Wittelsbacher, der Habsburger nur aus fürstlicher Lieb’ und Treue, aus Freundschaft, ihm die rechte Braut zu finden.
Am unbedenklichsten war dabei Johann vorgegangen, der Luxemburger. Erst hatte er Heinrich seine junge, schöne Schwester Maria angetragen und zwanzigtausend Mark Veroneser Silbers, als Gegengabe die Vermählung einer der Töchter Heinrichs mit einem der kleinen luxemburgischen Prinzen verlangend. Er hatte den alten, lüsternen Witwer mit Bildern Marias gereizt, ohne die zarte, feine, strahlende Prinzessin auch nur mit einem leisen Wort um ihre Zustimmung gefragt zu haben. Es war unschwer zu verstehen, daß die junge, liebliche Luxemburgerin, die Kaiserstochter, sich mit allen Mitteln gegen die Heirat mit dem alten, schlaffen Lebemann sträubte. Sie hatte ein Gelübde ewiger Jungfräulichkeit getan, aber dies Gelübde – die Herren feixten, als sie in schleierigen Worten davon sprachen – hatte sie nicht gehindert, wenige Monate später sich dem König von Frankreich zu vermählen.
Wahrscheinlich hatte Johann, von vornherein wissend, daß er seine Schwester niemals zu der Heirat mit dem Kärntner vermögen werde, den alten König, der sich kindisch auf einen wohlgestalten Prinzen aus dieser Ehe freute, nur hinhalten wollen. Gewiß war, daß er das zweitemal, im Fall der Beatrix von Brabant, ein leichtfertiges Spiel mit dem alten Fürsten trieb. Durch das Versprechen einer noch weit reicheren Mitgift hatte er Heinrich einen Vertrag abgelistet, demzufolge Heinrichs kleine Tochter Margarete einen von Johanns kleinen Söhnen heiraten und, falls Heinrich ohne männliche Nachkommen mit Tod abginge, seine Länder erben sollte. Damit hatte er die Handhabe, sowie der alte Fürst ohne Sohn starb, seine Hand auf Kärnten, Görz, Tirol zu legen. Nun hatte er zwar durch sorgfältige Prüfung der mannigfachen Liebesabenteuer Heinrichs festgestellt, daß der rasch abgeblühte König in den letzten vier, fünf Jahren von keiner seiner Geliebten mehr ein Kind bekommen hatte. Immerhin, hier konnte kein Arzt und kein noch so erfahrener Lebemann mit Sicherheit voraussagen; je länger der Luxemburger die Heirat des Königs hinauszog, desto mehr schwand dessen Aussicht auf männliche Nachkommen, desto größer wurde die eigene Hoffnung, durch seinen kleinen Sohn das Land in den Bergen und damit das römische Imperium in die Hand zu kriegen.
Sehr genau sahen die Herren diese Verknüpfungen, sehr genau wußten sie, daß hier der letzte Grund war, aus dem die festlichen Zelte so leer und betrübt dastanden. Wenn des Luxemburgers liebe Muhme von Brabant, Tochter des Sire von Louvain und Gaesbecke, Nichte des verstorbenen Kaisers, des siebenten Heinrich, zögerte, wenn sie vorgab, sie sei die einzige Stütze ihrer Eltern, sie wolle ihr schönes Flandern nicht mit dem fremden, beängstigenden Bergland vertauschen – ei, sehr dringlich hatte ihr das der Luxemburger wohl nicht auszureden versucht.
Die Herren standen dem ganzen Heiratsplan, der recht eigentlich der Kern aller alpenländischen Politik war, im Grund unbehaglich und zwiespältig gegenüber. Der Burggraf Volkmar zwar, wuchtig und brutal in seiner gewaltigen Rüstung, sagte mit seiner harten, knarrenden Stimme, ob Luxemburg, ob Habsburg, es sei gut, wenn der König endlich die Braut im Bett habe; die Majestät und mit ihr sie selber, seine Räte und Herren, machten sich lächerlich von Sizilien bis in die fernste Nordmark mit diesem endlos verhinderten Beilager. Allein das klang ein wenig krampfig und unecht, und sowohl der schlaue, wortkarge Tägen von Villanders wie Jakob von Schenna, der feine, hagere Herr, der jüngste der Räte, zu dessen müdem Skeptikergesicht die Rüstung schlecht stand, machten zweifelnde Mienen. Der König Heinrich verstand so angenehm wenig von Finanzen; er überließ die Verwaltung ganz seinen Räten, und wenn die bei Rechnungsablage klagten, was für Mühe sie gehabt und wie sehr sie daraufgezahlt hätten, so bedankte er sich mit vielen freundlichen Worten und hielt trotz seiner immer leeren Kassen nicht zurück mit Belehnung, Privilegien, Steuerpachten. Man wurde auf schöne, leichte, behagliche Art fett bei ihm, rundete, mästete Gut und Truhe. Wenn sich jetzt – die Herren seufzten – ein Fremder in diesen bequemen Pfuhl hineinlegt, wird man es, trifft man noch so viel Vorkehrungen, auf keinen Fall mehr so leicht haben.
Wirklich vergnügt waren die beiden Prälaten, der schlaue, kleine, magere Abt von Wilten und der betuliche, redselige, behagliche Johannes von Viktring. „Lehrreich ist es und schön, das Treiben der Großen zu sehen,“ zitierte dieser einen antiken Klassiker, und beide hatten sie ihre große, stille, sportliche Freude an der Diplomatie des Luxemburgers. Sie waren nicht unbescheiden; ob Heinrich, ob der Luxemburger, ob der Habsburger, sie werden von jedem herauszubekommen wissen, was sie für ihre freundlichen, sauberen, fetten Abteien brauchten. So warteten sie mit fast unparteiischer Neugier, wie der Kampf zwischen Albrecht von Österreich und Johann von Böhmen ausgehen werde, und beschauten mit Wohlwollen die dicke, fromme, gutmütige, lebenslustige Schachfigur, die König Heinrich in dem hohen Spiel der drei mächtigsten Deutschen darstellte.
Die Herren holten den König ein, der straffer auf seinem Pferd saß, sahen, wie er sich aufgehellt hatte, errieten seinen Entschluß, sich von dem Habsburger unter allen Umständen die Braut verschreiben zu lassen. Nun ja, so oder so, einmal mußte die Angelegenheit zum Streich kommen. Gut, man wird sich also auf den Habsburger einstellen.
Doch als nach wenigen Monaten die Zelte von Wilten sich endlich wirklich mit den Festgästen bevölkerten, war freilich eine andere Beatrix die Braut, jene, die Albrecht von Österreich vorgeschlagen hatte, Beatrix von Savoyen; allein Johann von Luxemburg hatte sich eingeschoben, Johann von Luxemburg hatte die Hochzeit vermittelt, den Vorvertrag unterzeichnet und garantiert, Johann von Luxemburg zahlte die Mitgift oder versprach wenigstens, sie zu zahlen, und sein kleiner Sohn Johann war der Bräutigam Margaretes von Kärnten und Erbe des Landes in den Bergen.