Denn es war schwer, sich in der ökonomischen Wirrnis der tirolischen Verwaltung oben zu halten. Zwar hatte man die Willkür der einheimischen Feudalherren gedämmt, auch den unheilvollen Messer Artese ausgeschaltet. Aber der Markgraf trug kein Bedenken, die großen Gelder, die er brauchte, von seinen schwäbischen und bayerischen Herren zu entleihen. Die ließen sich als Entgelt skrupellos Verpfändungen und Verschreibungen geben, rafften immer mehr an sich, so daß schließlich nichts gewonnen war. Im Gegenteil: hatten früher wenigstens Einheimische das Land ausgesogen, so mästeten sich jetzt Fremde, Bayern und Schwaben. Sie saßen in allen wichtigen Landesämtern, der habgierige, gewalttätige Konrad von Teck hatte ungeheuern Besitz an sich gerissen, Hadmar von Dürrenberg die Salzrechte von Hall, etliche Münchner, Jakob Freimann, Grimoald Drexler und andere Bürger, die Bergwerke im Gericht Landeck. Auch sonst die wichtigsten Zölle und Gefälle waren an Bayern, Schwaben, Österreicher verpachtet. Der Markgraf ließ sich hier nichts einreden. Er vertraute seinen Bayern und Schwaben, die nutzten das aus. Immerhin gelang es Mendel Hirsch, der sich vorsichtig, gedeckt von Margarete, im Hintergrund hielt, in die Verträge mit diesen Herren Klauseln einzuflechten, die den Fürsten nicht ganz wehrlos ihrer Willkür auslieferten.

Margarete blieb den bayrischen Freunden ihres Gatten gegenüber stets sehr zurückhaltend. Nur mit einem wurde sie vertrauter, mit jenem Offizier, durch dessen Hilfe sie damals Schloß Tirol gegen die Luxemburger gehalten hatte, mit dem Weißblonden, Häßlichen, Gedrungenen, Rotäugigen, mit Konrad von Frauenberg. Er war so häßlich, so unbeliebt, so einsam. Sie spürte Verwandtschaft zwischen sich und ihm, sie sprach vertraulicher zu ihm als zu den andern, zeichnete ihn aus. Der quäkende, unwirsche Mann kam rasch vorwärts, bekam Pflegen und Herrschaften. Ja, sie setzte es durch, daß er die Landeshofmeisterstelle erhielt.

Auch ein anderes erreichte sie: den Erlaß einer Landesordnung. Tarife wurden festgesetzt, Willkür und Gerichtsbarkeit der Feudalherren weiter eingeschränkt, die Zentralgewalt gestärkt, Bürger, Handel, Handwerk gefördert. Aufblühten da die bunten, farbigen Städte, dehnten sich, wurden breit, üppig. Nicht mehr die Burgen der Barone machten das Schicksal des Landes; die Magistrate entschieden, die stolzen Messen der Städte. Selbst die Kleinen regten sich: Bruneck, Glurns, Klausen, Arco, Ala, Rattenberg, Kitzbühel, Lienz. Von den großen Börsen und Märkten, von Trient, Bozen, Riva, Brixen zweigten Straßen und Geschäft über alle Welt. Was Mendel Hirsch gesät hatte, ging reich und blühend auf.

Die Herzogin liebte die bunten, lauten, lärmvollen Städte; die schönen, lebendigen, sinnvollen Siedlungen waren recht eigentlich ihr Werk. Was Männer! Was Liebe! Konnte man reicher leben, strömen, blühen, sich zweigen als so? War dieses Auf und Nieder, dieses lebendige, zweckvolle Fluten nicht ein Teil von ihr? Sie gab sich ganz hin, wuchs hinein. Mußte das Land das nicht spüren, so viel Liebe zurückgeben, sie in sich hineinwachsen lassen? Ja! Ja! Ja! Die Häuser der Städte schauten mit lebendigen, verständnisvollen Augen auf sie, die Straßen klangen anders, vertrauter unter den Hufen ihrer Pferde. Ihre Verkrustung löste sich, sie gab sich hin, verströmte im andern, war befriedet, glücklich.

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Herr von Schenna und Berchtold von Gufidaun ritten gemächlich im lauen Abend den gepflegten Pfad nach Burg Schenna. Sie kamen von Meran, wo die Herzogin in prunkender Zeremonie dem Großen Rat einen Kleinen beigegeben, die Rechte der Bürgerschaft wirksam erweitert hatte. Dies war ein Geschenk von großem Wert, für die Herzogin verbunden mit Opfern an Geld und Einfluß. Das Volk hatte geziemend und ehrerbietig gedankt, hatte hoch gerufen, respektvoll „Unsere Maultasch!“ gesagt.

Die Herren mußten absteigen, Platz machen vor einem kleinen, eleganten Zug. Sie grüßten sehr höflich. Agnes von Flavon saß in der Sänfte. Volk drängte zu: „Wie schön sie ist! Ein Engel vom Himmel!“ Man schrie hoch, es klang sehr anders als vorher bei der Zeremonie, hingerissen, begeistert.

Herr von Schenna pfiff ein italienisches Liedchen. Berchtold von Gufidaun schaute nachdenklich vor sich hin; die blauen Augen in dem männlich kühnen, bräunlichen Gesicht starrten angestrengt. Er war nicht sehr schnell im Überlegen.

An ihrem Wege, kurz vor der Stadt, zeigte eine kleine Seiltänzergesellschaft einem Häuflein Volkes ihre Kunststücke. Ein feuerfarbener Gaukler präsentierte einen großen Affen. Der hockte melancholisch und grotesk im Reifen, sprang nach dem Apfel. Dann produzierte sich ein Mädchen, tanzte, jonglierte mit Bällen. Dann kam wieder der Affe. Man hatte ihn jetzt in blaue Seide gesteckt, ihm goldenen Flitter auf den Schädel gesetzt. Er saß da, langarmig, plump, sehr häßlich, traurig, böse, fletschte gelbe Zähne in dem mächtig vorgewulsteten Maul. Das Volk starrte einen Augenblick. Dann brach es los, von allen Seiten, wiehernd, sich biegend, schenkelschlagend, Zwerchfell und alle Eingeweide schütternd, endlos, atemlos: „Die Maultasch! Das ist ja die Herzogin! Die Maultasch!“

Die Herren ritten weiter. Berchtold stieß tief verdrossen die Luft durch die Zähne. Ein Winzermädchen kam ihnen entgegen, bloßfüßig, braun, hübsch. Sie grüßte lächelnd, demütig. Berchtold sah sie nicht an, Schenna warf ihr ein paar Scherzworte zu. Doch seine Munterkeit klang nicht ganz echt. Bald versank auch er; schweigend wie Berchtold ritt er weiter, in schlechter Haltung auf seinem Pferd hockend, das lange, gescheite, welke Gesicht verzogen in etwas säuerlicher Überlegenheit.