In Ala, während die Barone Azzo und Marcabrun von Lizzana mit einem Kapitelherrn von Trient verhandelten, mitten im Satz schwankte der Ältere der Brüder, Herr Azzo; sein Gesicht wurde gelblich, lief blauschwarz an, er fiel um. In den Achselhöhlen, in den Weichen, an den Schenkeln beulte es sich schwarz, eiterig, eigroß. Er röchelte, kam nicht mehr zu Bewußtsein, starb nach wenigen Stunden. Der Tridentiner, vergraust, ritt auf gehetztem Pferd in seine Stadt zurück. Nun war sie also da, die Seuche. Nun war sie in das Land in den Bergen eingedrungen. Daß in Verona schon viere, fünfe umgefallen seien, war keine Lüge gewesen. Und jetzt war also der Schwarze Tod in den Bergen. Und jetzt gnade uns allen Gott!

Die Pest war gekommen von Osten her. Sie raste vor allem an den Küsten der See, drang dann ins Binnenland. Sie tötete in wenigen Tagen, oft in Stunden. In Neapel, in Montpellier starben zwei Drittel des Volkes. In Marseille starb der Bischof mit dem ganzen Kapitel, alle Predigermönche und Minoriten. Weite Gegenden waren ohne Menschen. Große, dreiruderige Schiffe trieben führerlos auf dem Meer, mit allen ihren Waren, die ganze Bemannung war gestorben. Gräßlich wütete die Seuche in Avignon. Die Kardinäle fielen um, der Eiter der zerdrückten Beulen besudelte ihre prunkenden Gewänder. Der Papst schloß sich in sein innerstes Gemach, ließ niemand vor, unterhielt den ganzen Tag ein großes Feuer, in dem Würzkräuter verbrannten und die Luft reinigendes Räucherwerk. In Prag in dem Schatzgewölbe seiner Burg zwischen Gold, Kuriositäten, Reliquien hockte Karl, der Deutsche König, fastete, betete.

Schaurig in die Täler Tirols brach die Pestilenz. Von den Bewohnern des Wipptals blieb nur ein Drittel am Leben, von dem menschenreichen Kloster Marienberg nur Wyso der Abt, der Priester Rudolf, ein Laienbruder und der Bruder Goswin, der Chronist. Es gab Täler, in denen von sechs Leuten nur je einer die Seuche überdauerte. Da der Atem und der Dunst, Kleider und Gerät die Krankheit übertrugen, floh jeder feindselig und voll Mißtrauen den andern, Freund den Freund, Braut den Geliebten, Kinder die Eltern. Die Menschen verröchelten ohne Sakrament, in den Städten standen viele Häuser leer mit allem Hausrat, und niemand traute sich hinein; Messen wurden nicht gelesen, Prozesse nicht verhandelt. Die Ärzte brachten vielerlei vor, vermochten aber schließlich keinen andern Grund anzugeben, als daß es Gottes Wille sei. Helfen konnten sie nicht. Die Menschen, irr vor Angst, kasteiten sich, geißelten sich, Frauen taten sich zu Schwesterbünden zusammen. Flagellantenprozessionen, Schwärmer und Propheten. Andere fraßen sich toll und voll, trieben jede Völlerei, Schwelgerei, Ausschweifung. Den blutrünstigen abgezehrten Geißelbrüdern begegneten Züge besoffener, bunter Fastnachtsnarren.

Von den drei Kindern der Margarete blieb der Sohn Meinhard leben, die beiden Mädchen starben. Sie lagen scheußlich gedunsen, mit riesigen, schwarzen Geschwüren. Margarete dachte: „Nun sind sie häßlich wie ich.“

Sie hatte nicht Zeit, sich lange zu grämen, lange darüber zu sinnieren. Sie arbeitete, ging herum, furchtlos, klar, ruhevoll. In der ungeheuern Wirrnis wurden von ihren Befehlen nur wenige und schlecht befolgt; immerhin hielt sie ihr Land fester in Ordnung und Fug, als es anderen Regierungen in der allgemeinen Auflösung möglich war. Wie dann die Pest abflaute, straffte sie sogleich die Zügel, paßte die Gesamtverwaltung des Landes den neuen, durch die Entvölkerung viel weiteren und loseren Verhältnissen an. Auch baute sie der Verschleuderung der zahlreichen erledigten Güter vor, wußte übrigens bei dieser Gelegenheit auf wohlfeile, doch nicht unanständige Art viel Boden und Besitz in ihre Hand zu bringen.

Messer Artese war sehr geschäftig, es war gute Zeit für ihn. Überall in der Welt waren Häuser und Liegenschaften, Rechte und Privilegien an Erben gefallen, die nichts damit anzufangen wußten. Er erwarb, raffte. Doch in Tirol fand er Widerstand. Gesetze, die ihn hemmten, Vorkaufsrechte des Hofs, der Behörden, zähe Klauseln. In Schloß Taufers, vor Agnes, ließ er sich gehen, brach aus, schäumte. Der Jude war, der schlaue Mendel Hirsch, an allem schuld! Der hinderte ihn, den guten christlichen Finanzmann, am Geschäft. Der hatte, nur um ihm den Knüppel zwischen die Beine zu werfen, alle diese frechen, höllisch schlauen Klauseln und Erschwernisse ausgeheckt.

Agnes ließ den Florentiner sich austoben, hörte still zu, sah ihn mit ihren tiefen blauen Augen unverwandt an. Begann dann mit ihrer gleichmütigen und erregenden Stimme zu erzählen. Sie war am Rhein gewesen. Dort hatte man in zahlreichen Städten die Juden gefangen und verbrannt. Denn die Juden hatten die Pest gemacht, sie hatten Gift in die Brunnen geworfen. Sie wußte es genau. In Zofingen hatte man Gift gefunden. In Basel war sie selbst dabei gewesen, wie man die Juden auf eine Rheininsel getrieben hatte, in ein Holzhaus, und sie darin verbrannt. Sie hatten schrecklich geschrien, der Gestank war noch lange in der Luft geblieben. Recht hatte man getan. Sie, die Verfluchten, waren wirklich schuld an der Pest. Der lahme Albrecht von Österreich freilich, der Mainzer Bischof und die Maultasch schützten ihre Juden. Agnes sagte langsam, gleichmütig, immer ihre Augen auf den Florentiner: „Die Herrschaften werden wohl ihre guten Gründe haben.“

Messer Artese hörte zu, erwiderte nicht. Kehrte unverrichteter Dinge zurück nach seinem Florenz.

Von Italien dann kroch es herauf in die Täler Tirols, schleimig, immer weiter, Geraune erst, dann immer festere Gewißheit: die Juden machen die Pest. Die Pest hört nicht auf, solang man die Juden im Land läßt. Es ballte sich zusammen. Hetze, Anschläge.