Die Juden indes gingen herum, trieben ihre Geschäfte. Es gab viele Geschäfte, große Geschäfte, sie hatten es sehr wichtig. Der kleine Mendel Hirsch lief, zappelte, gluckste gaumig, seine zahlreichen Kinder liefen mandeläugig, wichtig, selbst die uralte, mummelnde Großmutter lebte auf, fragte mühsam, lallend: „Wie gehen die Geschäfte?“ Sie gingen ausgezeichnet, Gott sei Dank. Die Pest war im Abflauen, unberufen. Es gab viel zu tun, zu handeln, zu kaufen, zu vermitteln, Verträge zu machen. Schon in wenigen Wochen wird man, so Gott will, in Bozen wieder den ersten großen Markt halten können. Die gnädige Frau Herzogin – Gott schütze sie! – brauchte Mendel an allen Ecken und Enden.

Unterdes zog es heran, gefährlich, fletschend, sinnlos, immer schwärzer. Die Juden kannten das. So war es vor zwölf Jahren gewesen bei den großen Metzeleien der Brüder Armleder. Jetzt kam es von Südwesten her. Vergebens stellte der Papst, der weise, gütige, weltkundige Klemens, sich mit seiner Person und mit Bullen entgegen, wies darauf hin, daß die Juden ebenso von der Seuche getroffen wurden wie die andern: wie also sollten sie sie fördern? Es waren nicht die vergifteten Brunnen, es war ihr bares Gut und die Verschreibungen ihrer Schuldner, daran sie verdarben. Gemordet und geplündert die Juden in Burgund, am Rhein, in Holland, in der Lombardei, in Polen. In zwölf, in zwanzig, in hundert, in zweihundert Gemeinden. Die Tiroler Juden warteten ab. Fasteten, beteten. Den Behörden hier große Geschenke zu machen, tat nicht not. Daß die Herzogin sie nach Vermögen schützen werde, war gewiß. Auch daß der Markgraf ihnen wohlwollte wie sein Vater, der Kaiser, der Städte und Handel Fördernde, der immer seine Hand über sie gehalten. Aber es hatte sich gezeigt, daß gegen rasendes, Blut und Geld witterndes Volk kein Kaiser, kein Papst und kein Büttel half. Man konnte nur warten, beten, seine Geschäfte betreiben.

Und dann, plötzlich und am gleichen Tag, brach es los. In Riva, Rovereto, Trient, Bozen. In Riva wurden die Juden im See ersäuft, in Rovereto mußten sie unter großem Gaudium und Gelärm von einem Felsen zu Tode springen, in Trient wurden sie verbrannt. In Bozen hatte man es mehr aufs Plündern abgesehen und das Totschlagen schlecht eingefädelt. Man besorgte es unmethodisch, so blieben die mummelnde Großmutter, eine Schwiegertochter und eines von den kleinen Kindern am Leben.

Der Markgraf hatte seine Juden in München nicht schützen können; in Hall und Innsbruck trat er energisch zwischen sie und den gewalttätigen Pöbel. Er war für Gerechtigkeit und Billigkeit. Nachdem er den Toten nicht mehr helfen konnte, jagte er den Verfolgern wenigstens die Beute ab. Die Mörder hatten wenig Freude. Die bayrischen und schwäbischen Herren trieben nun an Stelle der Getöteten ihre Forderungen für den Markgrafen ein und sehr viel härter, als die Juden es hätten tun können. Schließlich mischte sich auch König Karl ein. Er wollte wie von allen Behörden, deren Juden umgekommen waren, so auch von dem Markgrafen seinen Teil an dem Nachlaß der Erschlagenen. Ein hartes Feilschen begann.

Margarete, sowie sie von den Gewalttaten hörte, fuhr in finsterer, erschreckter Hast nach Bozen. Kam in der Nacht an. Sah bei wanderndem Fackelschein das viehisch zerstörte Haus, die kleinen, liebevoll mit allem Möglichen vollgestopften Zimmer kahl, verwüstet, besudelt. Sah die Leichen der Söhne, Töchter, Schwiegersöhne, Schwiegertöchter, der vielen wimmelnden Kinder mit den raschen, mandelförmigen Augen, gräßlich verheert und verstümmelt die einen, die andern ohne sogleich sichtbare Wunden. Da lagen sie, die Flinken, Beweglichen, sehr still, und sehr still auch lag Mendel Hirsch. Er hatte einen Gebetmantel an und Gebetriemen am Arm und an der Stirn; man sah keine Wunde; im Fackellicht schien es, als lächle er demütig, wichtig, betulich, milde, gescheit. Margarete glaubte, jetzt müsse er gleich den Kopf schütteln, gurgeln, das sei gar nicht so schlimm, es sei ganz einfach; die Leute seien gar nicht so böse, sie seien verhetzt, dazu ein wenig langsam und schwer von Begriff; man müsse ihnen bloß gut zureden. Aber er sagte nichts, er zappelte nicht und gurgelte nicht und lag ganz still. Er hatte es gut gemeint, mit sich gewiß am meisten, aber auch mit ihr und dem Land, und er war gescheit gewesen und sehr tüchtig und hätte dem Land, ihren lieben Städten großen Nutzen gebracht. Nun hatten sie ihn erschlagen, plump, sinnlos, viehisch. Warum eigentlich? Sie packte mit harter, zufahrender Frage einen der Umstehenden. „Er hat doch die Pest gemacht!“ sagte der, scheu, blöde, ein wenig trotzig.

Leise, in einem Winkel, quäkte das gerettete kleine Kind, die Frau, sonderbar aufgeputzt, suchte es mit häßlicher, gebrochener Stimme in Schlaf zu singen, die Großmutter mummelte. Margarete trat näher, hob die Hand, das Kind zu streicheln. Sie fühlte sich müde, elend. Sie sah im Fackellicht ihre Hand; sie war groß, unförmig, die Haut fahl, gelblich; sie hatte vergessen, sie zu schminken.

*

In München, in einem der weiten Räume der neuen Residenz, die sein Vater angelegt hatte und an der er eifrig weiterbaute, stand vor dem kühl blickenden Markgrafen Ludwig die Baronin von Taufers, Agnes von Flavon. Sie bat um die Erlaubnis, gewisse Bezirke ihrer Herrschaft veräußern zu dürfen. Als Käufer trat ein Einheimischer auf. Doch im Hintergrund lauerte Messer Artese. Dem Markgrafen war Agnes nicht sympathisch; er hatte über ihre lotterige Zigeunerwirtschaft viel Abfälliges gehört; sein mageres, bräunliches Gesicht mit dem kurzen, blonden Schnurrbart blieb verschlossen, seine grauen, etwas stechenden Augen schauten mißtrauisch.

Agnes spürte sehr wohl seine feindliche Abwehr; aber sie gab sich durchaus nicht gekränkt. Sie glitt auf und ab vor ihm, schaute ihn an mit ihren tiefen, starkblauen Augen, lächelte mit den schmalen, kühnen, sehr roten Lippen aus weißem Gesicht, war damenhaft, munter, gefällig, nicht übertrieben liebenswürdig. Langsam, vorsichtig, geübt lockerte sie ihn auf, ganz leicht sich über seine Bärbeißigkeit belustigend.

Er schaute sie an. Man hat ihr doch wohl Unrecht getan. Seine Freunde verlangten von jeder Frau, daß sie Tag und Nacht im Haushalt stecke, hinter den Dienstboten herlaufe, Herd und Leinenkammer beaufsichtige. Ein feines Stück Weib war sie, unleugbar. Zart und zier und gepflegt jede Faser und doch sehnig und voll Kraft. Er verabschiedete sie höflicher, als er sie empfangen hatte. Beschied sie für ein zweites Mal zu sich.