Er krampfte die Hand, sie nicht zu schlagen. Es war nicht seine Art, zu schimpfen. Jetzt fiel er unflätig über sie her: „Hexe! Scheußliche! Stinkende! Hockst du zusammen mit deinem Affen und spintisierst das aus? Ist es nicht Schande genug, daß ich ein Weib haben muß, von Gott gezeichnet wie dich? Willst du noch meinen Namen verschimpfieren? Bist auf Männer aus, so wie du aussiehst? Paßt ja gut zusammen, die Maultasch und der Aff’!“ Er schlug plötzlich um, ging mit dicken Adern und so verwildertem Gesicht auf sie los, daß sie hinter den Tisch zurückwich. „Ich duld’ es nicht!“ schrie er. „Ich schlag’ ihn tot! Ich lass’ mich nicht lächerlich machen!“

Unterdes saß der Frauenberger auf Schloß Taufers. Aus seinen rötlichen Augen blinzelte er Agnes an. „Wir werden uns schon einigen,“ quäkte er. „Sie sind reich, ich bin nicht arm. Liegt Ihnen so viel an den Höfen? Mir nicht. Mir sind sie ein Vorwand, Sie zu sehen.“ Mit seiner roten, kurzen Hand tätschelte er ihre weiße, lange. Agnes lächelte. Der war ein Mann, der hatte Kraft, Willen, das nackte Geradezu.

„Die Welt ist dumm,“ quäkte er. „Immer noch dümmer, als man denkt.“ Er saß da, weites Maul in dem nackten, roten Gesicht, breit, fest, frech, häßlich. „Mir ist, ringsherum sind wir die einzigen Vernünftigen.“ Und seine harten, kurzen, zupackenden Finger langten ihren Arm weiter hinauf.

Er dachte übrigens nicht daran, ihr in der strittigen Frage auch nur ein Tipfelchen entgegenzukommen.

*

Agnes ging herum, ein leises, tänzerisches Lächeln um die Lippen. Sog ihren Triumph über Margarete, schlürfte ihn, ließ ihn auf der Zunge zergehen. Knüpfte den Markgrafen immer enger an sich, gleichmütig, unmerklich. Höhlte ihn aus, glitt in ihn hinein, nahm Besitz von ihm.

Er war ein sparsamer, nüchterner Herr, durchaus nicht geneigt, zu verschwenden. Sie verlangte von ihm, nebenher, über die Achsel, Ausgaben, die er sich sonst durch Jahre überlegt hätte. Machte er den leisesten Einwand; so bestand sie nicht, ließ sofort ab. Allein sie hatte eine Art, sich abzuwenden mit einer höhnischen, kaum greifbaren, tief verächtlichen Verwunderung, die ihn mehr reizte, als Tränen, Bitten, Beschimpfungen hätten tun können. So stülpte sie allmählich den festen, sachlichen, rechenhaften Mann von Grund auf um, trieb ihn in Prunk und Verschwendung, zermürbte, unterwühlte, was Margarete in der Arbeit von Jahrzehnten geschaffen hatte.

Plötzlich war auch Messer Artese wieder da. Überall war er, an zehn Orten zugleich, mit drei Brüdern, die ihm sehr ähnlich sahen, unscheinbar, überaus höflich. Ehe man es recht merkte, hatte er von neuem die Hand auf Zöllen, Salzrechten, Bergwerken. Die eisige Verachtung Margaretes erwiderte er mit zahllosen Verneigungen. Mit größter Bereitwilligkeit löste er den Markgrafen aus den Verpfändungen der Habsburger. Jetzt, wenn er wollte, konnte Ludwig jenes Verwaltungsabkommen kündigen. Freilich war, was er dem Florentiner zahlte, dreimal höher als die Forderung der Österreicher. Schattenhaft dann, wie er kam, war Messer Artese wieder fort.

Erschien auf Schloß Taufers. Wer, wenn er den kleinen, höflichen Mann sah, hätte gedacht, daß er je so toben könnte, wie er es damals vor Agnes getan? Sie saßen sich gegenüber, Agnes und er. Sie lächelten sich zu, mit einem kleinen, wissenden Lächeln. Ei ja, schönes Land, reiches, gesegnetes Land. Wein, Obst, Brotfrucht. Blühende, geordnete, werktätige Städte. Er zerrte, sie stieß. Sie traf die Herzogin, die Häßliche, wenn sie stieß. Ihm war es schon weniger die Freude am Gewinn, die lockte: es trieb ihn, in dem Werk des Feindes zu stochern, zu wühlen, das Werk des erlegten, erledigten Juden vollends zu zerfetzen. Sie stieß die Häßliche, er zerrte an dem toten Feind.