Prall im Fett saß Konrad der Frauenberger, mästete sich, sein nacktes, breitmäuliges Gesicht glänzte rosig. Er lag auf Polstern in dem eleganten kleinen Saal von Taufers, Agnes saß ihm gegenüber. Sonne kam herein, er blinzelte, rekelte sich faul, gähnte, knackte mit den Gliedern. Agnes bat, forderte, schmeichelte, drohte, er solle sie nach Trient begleiten. Er sagte, er denke nicht daran. Soll der Markgraf ihr den Narren machen. Sie kehrte sich ab mit jener leisen, gleitenden, verwunderten Verächtlichkeit, die beim Markgrafen alles erreichte. Er lachte schallend, derb vergnügt. Kehrte sich nach der andern Seite. Da sie beharrlich schwieg, fing er an, zu gähnen. Streckte sich knackend, schlief friedlich, behaglich ein, lärmvoll schnarchend. Nach einer Stunde wachte er auf; es ging gegen Abend, sie saß noch immer im entgegengesetzten Winkel, gekränkt. Er stand faul auf, ging zu ihr, packte sie, grob, jovial, zog sie neben sich auf die Polster. Sie ließ es geschehen.
Er behandelte sie nach Laune. Ließ sie wie einen Hund nach einer Liebkosung zappeln. Tätschelte sie mit Versprechungen, die er lachend und selbstverständlich brach. Ihn davonjagen? Es ging nicht. Er hätte gelacht. Und es wäre auch lächerlich gewesen. Wer war noch so häßlich? So frech? So hart von Griff? So gab es keinen zweiten.
Sie dehnte sich unter seinen groben Liebkosungen, schaute schräg zu ihm auf. Sah sein sattes, schlaues, fleischiges, grinsendes Gesicht. Wie häßlich es war! Wie voll Kraft und Gemeinheit es war! Sie war neugierig. Konnte man ihm nicht bei, daß seine freche, selbstsichere Fratze klein wurde und voll Angst?
Sie begann den Markgrafen zu hetzen. Ganz unmerklich, mit Scherzworten. Ihre Saat fand guten, lange vorbereiteten Boden. Sproßte, keimte, wuchs. Wie hatte Herzog Stephan gesagt? Es ist kein Leichtes, zu diesem Weib den Frauenberger zum Landeshofmeister zu haben. Er wird ein Ende machen. Er hat es satt bis dahin. Das Gespött Europas. Er wird ein Ende machen. In München. In einem Aufwischen. Erst mit der habsburgischen Schweinerei. Dann mit dem Frauenberger, dem Schandkerl, der Mißgeburt.
*
„Schau mich genau an,“ sagte der Frauenberger zu Margarete und spreizte sich mit grotesk unterstrichener Wichtigkeit. „Schau mich genau an. Du wirst vielleicht nicht mehr lange Gelegenheit haben.“ Da Margarete erstaunt hoch blickte, quäkte er weiter: „Ich bin kein schöner Mann, ich weiß, aber sehr einmalig. Wer Interesse an mir hat, wird guttun, mich genau anzuschauen, daß er mich in Erinnerung behält. Ich werde nicht mehr lange zu sehen sein. Es braut sich was zusammen gegen mich. Der Markgraf schaut auf mich mit Blicken wie Lanzen. Leider stehen wirkliche Lanzen zur Genüge dahinter. Er hat mich mit zur Begleitung nach München befohlen. Dort tut er sich leichter. Der Gufidaun, der gute, ehrliche Junge, der mich nicht leiden kann, und der Kummersbrucker haben den Rand nicht halten können. Schau mich genau an, Margarete. Wenn ich nicht mehr da bin, sauf dich voll und träum’ von mir! Messen brauchst du keine lesen zu lassen. Bist eine gute Haut, Herzogin Maultasch,“ lachte er und haute sie auf die Schulter. Er pfiff sein Lied von den sieben Freuden, blinzelte sie an, ging fort mit gegrätschten Beinen.
Margarete hatte kein Wort erwidert. Jetzt saß sie allein vor dem massigen Tisch, prunkend in hellgrünem Damast, starr geschminkt. Vor ihr lagen gehäufte Akten und Dokumente. Der Raum war schwer und düster, in ihrem Ohr war das gepfiffene Lied des Frauenbergers.
Ja, er hatte wohl recht. Was gab es sonst als die sieben Freuden seines Liedes?
Sie hatte nicht abgelassen. Sie war zerschlagen und zerstört worden ein erstes Mal, aber sie hatte nicht abgelassen. Hatte sich aus Dreck und Nichts ein Neues gebaut, das Land, die Städte, ihre bunten, lärmvollen, menschenvollen, zweckvollen Städte, ihr Werk. Und jetzt sollte das Blut, das sie ihnen mühsam zugeführt, abgezapft werden, weggeleitet, nach Bayern, irgendwohin, für die Hure, planlos verströmt. Der Markgraf hatte ihr nichts gesagt; aber es war ihr zugesickert aus vielen Mündern. Gekündigt das Verwaltungsabkommen mit den Habsburgern. Ihre Städte, ihr Tirol entblößt, leer, ausgesogen, hingeschmissen.
Nicht genug. Das andere. Der Frauenberger. Der Häßliche, Einsame. Der zu ihr gehörte. Den sie herangeholt hatte. Vielleicht war er schlecht, niedrig, ein Lump. Aber er gehörte zu ihr. Vor allen Menschen er. Und den wollte er ihr auch nehmen. Oh, sie hatte nicht vergessen, wie er geschrien hatte in jener Unterredung: „Ich schlag’ ihn tot! Ich lass’ mich nicht lächerlich machen!“ Sie hörte seine Stimme, die heiser war vor Haß, sah seine verwilderten Augen. Ja, der Konrad hatte schon die rechte Witterung, es roch nach Mord. Ging er nach München, kam er nicht zurück.