Ihr dürres, altes Fräulein von Rottenburg war im Saal, räusperte sich. Der welsche Händler war da, der Palermitaner, den sie herbestellt. Sie war froh an der Ablenkung, ließ ihn kommen. Er stand vor ihr, dick, olivfarbenes Gesicht, rasche, bräunliche Augen. Er hatte vielerlei. Bunte Vögel, feine, glänzende Tücher und Gewebe, edle Steine, seltene Essenzen, fremdartiges Konfekt. Mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen, unterstützt von seinem Gehilfen, breitete er seine Dinge vor sie hin. Sie verweilte da, dort. Ließ sich erklären, war nicht bei der Sache, sprach dann lebhafter als sonst. Was war das? Ein Fläschchen, eine kleine Vase aus mattfarbenem Halbedelstein, schönformig, fest verschlossen und versiegelt. Das? Oh, die Frau Herzogin sei eine Kennerin, die Frau Herzogin habe sichersten Geschmack. Das sei freilich eine große Kostbarkeit. Aus einem Stück, wie edel in der Form, in der Rundung! Von einem großen Meister, ei ja. Und sie möge gnädigst die Bilder beachten, die eingeschnitten seien. Hier der Hohenstaufenkaiser, der zweite Friedrich, und hier der jüdische König Salomo, und da die Königin von Saba, und auf der vierten Seite der Sultan Boabdil, ein starker, grausamer Fürst der Berberei. Auch sei der Inhalt des Fläschchens eine große Seltenheit: ein feiner Saft, ohne Geruch, ohne Farbe, ohne Geschmack; wer auch nur einen Tropfen davon genießt, der überlebt die Stunde nicht, der geht aus wie ein Docht ohne Öl. Ein kostbares, edles Fläschchen.

Die Herzogin kaufte viel und wahllos durcheinander, ohne Feilschen, gegen ihre Gewohnheit. Tücher, Gewürz, viel Schmuck, zwei von den bunten Vögeln, auch das Fläschchen.

Dann setzte sie sich zu Tische. Aß. Aß ganz allein, prächtig geschmückt. Auch die Tafel war prunkvoll bereitet, mit Schaugerichten, goldenen Schüsseln und Tellern. Musik im Nebenraum. Diener, Kämmerlinge, Vorschneider liefen. Sie aß mächtig. Der Frauenberger hatte recht. Dies war eine der sieben Freuden des Lebens. Um sie herum waren die Dinge gestapelt, die sie gekauft hatte, Schmuck, Tücher, auch das Fläschchen. Sie führte mit ihren geschminkten Händen die Speisen zum Mund: Brühe, Fische, Braten, von dem köstlichen, fremdartigen Konfekt, das sie heute erstanden. Sie schlang, schüttete Wein hinunter. Dämmerung brach herein, schwere, riesige Kerzen wurden entzündet. Sie saß allein, plump, starr, pomphaft. Aß.

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Da also lag es. Er hatte nicht gewagt, es ihr selber zu bringen. Er hatte es durch einen Boten geschickt. Ein kurzes, höfliches Schreiben lag bei, in dem er um ihre Unterschrift ersuchte.

Sie hatte sogleich Schenna hergebeten. Vor dem ließ sie sich gehen, verströmte. Wirklich gekündigt der habsburgische Vertrag! Eingerissen und kaputt der schöne, kunstvolle Kanal, durch den sie ihren Städten Saft und Gedeih zuführte. Und sie soll noch ihre Unterschrift dazu geben! Der Boden unter ihren Füßen bröckelnd wie Sand. Das Werk ihres Lebens fort, entgleitend, wie fließendes Wasser, nicht zu halten. Hin alles, blöde, sinnlos vertan.

Schenna hörte still zu, sein welkes, langes Gesicht sonderbar kraus verzerrt; ihr Verströmen, ihr Zusammenbruch ging ihm näher, als er vor sich selber wahr haben wollte. Arme Frau! Arme Herzogin Maultasch! Wäre dein Mund einen Finger schmaler, die Sehnen deiner Backen ein weniges straffer, du lebtest befriedet, glückhaft, und Tirol und das Römische Reich sähe anders aus. Er raunzte mit sich selber. Alberne Sentimentalität!

Als er endlich antwortete, hatte er sich wieder ganz im Zaum. Mit seiner hohen, müden, brüchigen Stimme legte er dar, es sei nichts zu gewinnen, wenn sie nicht unterzeichne; formal sei ihre Unterschrift ohne Belang, der Markgraf verlange sie nur aus Prestigegründen. Unterzeichne sie aber, so könne man nicht umhin, sie zumindest bei der Liquidierung des Vertrags miteinreden zu lassen.

Wie sie aber schwieg, breit, plump, verloren und verfallen dahockte, packte es ihn wieder. Er sagte, er wolle helfen, wo er helfen könne. Er sei Tiroler; es kratzte ihn, daß das lebendige, wache, rege, kultivierte Tirol den schläfrigen, dumpfen, trägen, gewalttätigen Bayern solle ausgeliefert werden. Er gab sich einen Ruck, es war ein schwerer Entschluß, man sollte eigentlich wirklich nicht so weichherzig sein. Aber dann stand er und sagte, und in seiner Feierlichkeit war schon ein bißchen Ironie: wenn sie also noch Wert darauf lege, sei er, um das Mögliche zu retten, bereit, die Hauptmannschaft im Gebirg, das Burggrafenamt zu übernehmen. Sie drückte seine lange, dürre, schlaffknochige Hand mit ihrer dicken, geschminkten.

Dann stand der Frauenberger vor ihr, sich zu verabschieden. Klirrend stand er, aus dem hellen Eisen grinste rosig, glatt, nackt das freche, weitmäulige Gesicht. Es bleibe ihm nur übrig, unterzutauchen, ins Dunkle, ins Subalterne, wo der Markgraf ihn nicht finden könne; denn zu sterben habe er durchaus nicht die Absicht. Er werde also unterwegs im gegebenen Augenblick verschwinden. Man sei ein Mann, nehme das Schaukeln, hinauf, hinunter, nicht zu schwer. Sie sei eine gute Haut, er habe mehr Spaß an ihr gehabt als an so mancher mit einem zierlichen Puppenmund. Interessanter sei es sicher gewesen. Somit Gott befohlen.