Sie sagte, er habe ihr ein Amulett gegeben mit bösen Wünschen für eine gewisse Person. Sie wolle sich revanchieren. Sie reichte ihm das mattfarbene Fläschchen. Der Saft sei geruchlos, geschmacklos; wer davon koste, sei in der gleichen Stunde in der Hölle, im Paradies. Bevor er zurücktauche ins Dunkel, in die Niedrigkeit, solle er sich das überlegen.
Er griff danach, grinste, sie sei ein Teufelsweib. Geruchlos, geschmacklos; hm, das sei wohl zu überlegen.
Sie, rasch: sie habe nichts gesagt. So habe es ihr der Sizilianer geschworen. Und da er vermeine, sie sehe ihn nicht wieder, gebe sie ihm das. Alles stehe bei ihm, sie habe nichts gesagt.
Er, ungeheuer massig in der Rüstung, quäkte aus dem vielen Eisen heraus, er danke auch vielmals. Wie gesagt, ein Teufelsweib. Er hob beschwerlich den eisernen Arm, klopfte sie, quäkte: „Unsere Maultasch.“ Zog mühsam ab, eisern, klirrend, froschmäulig grinsend. Pfiff sein Lied.
Von unten klangen die Hörner und Trompeten der Abreitenden. Der Markgraf hatte sich nicht verabschiedet. Sollte sie ans Fenster? Kein Glied gehorchte ihr. Sie lehnte am Tisch, fahl, grau, eine geschminkte Tote.
*
Durch den braungoldenen September trabten der Markgraf und seine Herren. Eine Weile ritten sie den blassen, weiten Chiemsee entlang. Starke Luft ging, die Berge in sattem Blaugrau blieben zurück.
Ludwig war bester Laune. Er trug einen leichten, dunkeln Brustpanzer, den Helm hatte er einem Knaben gegeben, der Wind wehte angenehm um den kurzhaarigen Schädel. Er fühlte sich sehr jung, seine harten, blauen Augen blickten frischer als sonst aus dem bräunlichen, männlichen Gesicht. Es war ein guter Entschluß gewesen, die Österreicher hinauszuschmeißen. Jetzt ritt er als wirklicher Herr in seinem Land. Fort mit dem frechen roten Löwen Habsburgs von dem blauen wittelsbachischen! Er freute sich darauf, seine Beamten einzusetzen, reinen Tisch zu machen.
Ja, reinen Tisch. Auch die Sache mit dem Frauenberger hat er sich genau zurechtgelegt. Heute nacht schon wird er ihn packen, es mit ihm austragen, ritterlich, mit der Waffe. Am Ausgang zweifelte er nicht. Dann wird er Luft haben, atmen können. Margarete wird er kaum mehr sehen. Soll sie in ihrem Schloß Tirol sitzen; er wird in München, Innsbruck, Bozen residieren, gubernieren, wie er es für gut hält. Stimmt sie zu, schön; stimmt sie nicht zu, auch gut. Agnes wird keinen Grund mehr finden, ihm die Schulter zu kehren mit jener frechen, leisen Manier, die ihn so reizt.
Daß er seine Dumpfheit hinter sich gelassen hatte, daß er so genau wußte, was er vorhatte, kratzte ihn auf, machte ihn freier und lustiger als seit Jahren. Er scherzte mit Berchtold von Gufidaun, mit seinem getreuen Kummersbrucker. Ja, er schaute sogar mit einem gewissen grimmigen Wohlwollen auf den Frauenberger. Der ritt daher, breit, plärrend, rosig in seiner hellen Rüstung, blinzelte schlau und behaglich aus seinen rötlichen Augen in die besonnte, vergnügte Welt – und war doch schon so gut wie tot. Der Markgraf rief ihn an, ritt neben ihm. Der Frauenberger erzählte unflätige Witze, machte freche Anspielungen. Ludwig lachte schallend, ging auf seinen Ton ein, sie führten ein derbes, grobes Soldatengespräch, unterhielten sich ausgezeichnet.