Er setzte sich schwer nieder, sein Gesicht verlor die künstlich straffe, soldatische Miene, die Schultern erschlafften. Ach, nichts von alledem wird sein. Die Hoffnung war krampfhaft, verlogen. Er war nicht der Mann, das durchzuwirken. Wohl, die Gelegenheit war gut; aber die Bürde war zu schwer für ihn. Sein Vater schon, der Kaiser, der viel Robustere, war ein Zauderer gewesen, hatte sein Werk halb fertig liegen lassen müssen: wie sollte er, der Schwächere, das zerstückte, verstümmelte, zu Ende bringen?
Sein Bruder war am Wege gestorben. Ein schlechtes Zeichen. Er hatte Ludwig nicht besonders gemocht, kein vertrauteres Wort mit ihm gesprochen. Die Brüder hatten sich alle sechs nie enger aneinander geschlossen, jeder schaute dem andern mißtrauisch auf die Finger, daß der kein zu großes Stück des Erbes packe. Aber Ludwig war ein anständiger Mensch gewesen, er hatte es nicht leicht gehabt, er hatte die Maultasche geheiratet, dem Haus ein großes Opfer gebracht. Nun war er tot, in guten Mannesjahren gestorben. Es verblaßte um die Wittelsbacher, ihr Glanz ging aus.
Er erinnerte sich, wie er jene päpstliche Bulle gehört hatte, die den Bannfluch über den Vater verkündete: „Seine Söhne treffe dieser Fluch: Aus ihren Wohnsitzen verjagt, sollen sie ihren Feinden in die Hand und der Vernichtung anheimfallen.“ Er war ein kleiner Junge gewesen damals, er hatte unter den großen, drohenden, pathetischen Worten nichts Rechtes verstanden, aber sie hatten ihn überschauert und nicht mehr losgelassen. Es war nicht gut gegangen mit den Wittelsbachern seither. Ihre Länder zerfallen. Die Brüder sich zerkrallend einer den andern. Im Nordwesten, in den flandrischen Provinzen, hatte die Mutter geherrscht, die Kaiserin, zusammen mit Wilhelm, dem begabtesten unter den Brüdern. Sie waren in Streit geraten, Wilhelm hatte die Mutter in jener wilden, blutigen Seeschlacht an der Mündung der Maas geschlagen, sie war zu ihrem Schwager geflohen, dem König von England. Sie war eine hochmütige Dame gewesen, schwermütig, ihren Kindern fremd; ja, man hatte sich zusammennehmen müssen, war immer beklommen gewesen in ihrer Gegenwart. Nun war sie gestorben, müde von Hoheit, Leid und Sorgen, und Wilhelm, der lichteste, begabteste, liebenswürdigste der Brüder, war in Tobsucht und Irrwahn gefallen, krank an dem Zwist mit der Mutter, krank an dem fremden Land. Nein, es stand nicht gut um Wittelsbach; jener Fluch ging, wenn nicht seine Worte, so doch sein Sinn, in bittere Erfüllung. Er starrte vor sich hin. Der Tod des Bruders gab ihm die Möglichkeit und die Pflicht, das Land in den Bergen fester zu klammern, die Südmark zu halten. Er sah auf seine Hände; sie lagen schwer, schlaff, kraftlos. Wie soll er mit diesen Händen –?
Unsinn. Er hat zu viel schweren Würzwein zum Frühstück genommen, das ist alles. Das macht das Blut dick, die Gedanken trüb. Waren seine Aussichten nicht ausgezeichnet? Der Knabe Meinhard war schwach und leicht zu lenken. Den wird er doch, Gotts Marter, von sich abhängig machen können. Er straffte sich, fest über der gepreßten Lippe stand der kurze, dicke, nußbraune Schnurrbart. Er wird Wittelsbach zusammenkneten und groß machen in der Welt.
Er ließ sich fertig wappnen. Er hatte jetzt doppelten Anlaß, nach München zu reiten. Seine Stimme war die alte, soldatisch knarrende. Er befahl seinen Sohn Friedrich zu sich.
Prinz Friedrich hatte schon von dem Tod des Markgrafen gehört. Er barst beinahe von Plänen, von Energie. Meinhard hing an ihm mit schwärmerischer Bewunderung. Er war jetzt durch Meinhard mächtiger als sein Vater. Der junge Mensch, schlank und elegant von Wuchs, dunkles Haar tief ansetzend über der breiten, eckigen, eigenwilligen Stirn, hatte von frühester Jugend an mit Verachtung auf seine Umgebung geschaut. Er allein war der rechte Kaiserenkel. Knirschend hatte er gesehen, wie Wittelsbach immer kleiner zersplitterte. Hochfahrend hatte er sich gebäumt gegen alles Reden und Tun seines Vaters, der nicht Faust und Schenkel hatte, dieses edle, nervenfeine, widerspenstige Roß Wittelsbach zu zähmen. Oh, er, Prinz Friedrich, hatte Griff und Gefühl dafür, er wird es zwingen.
So trat er, schlank, stolz, feindselig, voll heimlicher Verachtung vor seinen Vater. Herzog Stephan liebte diesen seinen Prinzen mit tiefer, zerspalteter Liebe. Er hielt ihn für begabter und begnadeter, als er selber war, sah in ihm seine Erfüllung, liebte sogar seine Raschheit, seinen Jähzorn, seine Hoffart. Aber er konnte sich nicht halten, wenn der Junge zu frech gegen ihn aufbegehrte; es kam immer wieder zu wilden Ausbrüchen zwischen ihnen.
Stephan eröffnete dem Prinzen in kurzen Worten, soldatisch knarrend, Markgraf Ludwig sei plötzlich gestorben, er werde jetzt zur Bestattung nach München reiten und gedenke, etwa acht bis zehn Tage zu bleiben. Friedrich solle inzwischen in Landshut Siegel und Geschäfte führen, in wichtigeren Fragen ihm Kuriere nach München schicken. Friedrich überlegte. Noch nie hatte ihm der Vater soviel Verantwortung überlassen: was stak dahinter? Er maß ihn mißtrauisch. Ah, der Herzog fürchtete seinen Einfluß auf Meinhard, wollte allein nach München, Meinhard von ihm abdrängen, ihn dort ausschalten.
Er warf den Kopf zurück, glitt mit raschen, braunen Augen über den Vater, sagte hochmütig, er denke nicht daran, in so schwerer Stunde seinem Freunde Meinhard fernzubleiben, er werde selbstverständlich auch nach München reiten. Es waren noch zwei oder drei Herren im Zimmer, auch ein Knabe Kämmerling. Herzog Stephan schwoll an, fragte heiser, ob der Junge verrückt sei. Die andern standen großäugig, gestreckt von Erwartung. Friedrich sagte, er sei wohl bei Sinnen; jeder anständige Fürst und Herr müsse ihn verstehen, ihm beistimmen. Der Herzog klirrte drohend auf ihn los. Der Junge stand zunächst, dann wandte er sich, wischte hinaus. Warf sich – niemand wagte ihn zu halten – auf ein Pferd, jagte davon, nach Süden, nach München.
Der Herzog lachte, zuerst ärgerlich, dann wohlgefällig. Seine Herren, froh über diese Lösung, lachten mit. „Ein Teufelsjunge, der Friedrich!“ sagte der Herzog. „Ein Teufelsjunge, der durchlauchtigste Prinz!“ wiederholten seine Herren.