Aber dann, langsam, verfinsterte sich Stephan wieder. Den eigenen Sohn kann er nicht halten. Wie soll er das ganze bäumende Wittelsbach kleinkriegen?
Er stieg zu Pferde. Schwer mit großem Troß ritt er die Straße, die Prinz Friedrich vorangejagt war.
*
Dem jungen Meinhard machte der Oberjägermeister, Herr von Kummersbruck, Mitteilung von dem Tod seines Vaters. Er tat dies sehr vorsichtig, umwegig. Verlorene Mühe. Der Achtzehnjährige begriff durchaus nicht, so daß Herr von Kummersbruck schließlich schlicht und geradezu erklären mußte: Der Markgraf ist tot.
Meinhard schaute ihn verblüfft aus großen, runden, treuherzigen Augen an, wälzte die Nachricht in seinem gutmütigen, dicken Kopf, schwitzte. Er wußte durchaus nicht, welche Folgen dieses Ereignis haben konnte, was er mit ihm anfangen sollte. Er war nun Herzog. Das war vermutlich sehr anstrengend, brachte Arbeit, Ungelegenheiten. Er hätte sich als kleiner Landbaron viel behaglicher gefühlt. Eigentlich war es wohl traurig für das Land und für alle, daß sein Vater tot war. Denn er war tüchtig und energisch gewesen, wohingegen seine Mutter, wie sein Freund, der Prinz Friedrich, ihm auseinandergesetzt, ausschweifend und widerwärtig war. Lieber Gott! Im Grund hatte sich weder sein Vater noch die Mutter um ihn gekümmert. Dieser Tod war ihm gleichgültig, kostete ihn nur Ärger, forderte Mühe, Nachdenken.
Er holte das kleine Nagetier aus der Tasche, das er stets bei sich zu führen pflegte, den kleinen, langgeschwänzten Siebenschläfer, den er in geduldiger Arbeit dressiert hatte, so daß er auf den Namen Peter hörte und auf seinen Pfiff mit ihm aß, mit ihm schlief. Er betrachtete das Tier aus großen, verdrossenen, unglücklichen Augen, streichelte es.
Sehr langsam nur löste er sich aus seiner blöden, verworrenen Befangenheit, als er sah, daß man ihn jetzt ganz anders wichtig nahm als vorher. Die Gesichter waren, von den Generalen und höchsten Beamten bis hinunter zum letzten Lakai, ergebener, behutsamer, serviler. Wie er dies langsam merkte, machte es ihm Freude, es immer wieder zu erproben und zu erhärten. Er gab Befehle, vielerlei, durcheinander, sich widersprechende, schaute amüsiert zu, wie man sie beflissen ausführte, er ließ seine Leute springen, ergötzte sich, wie ihre Gesichter immer gleich unterwürfig und ohne Widerspruch blieben.
Nur einer ließ sich offenbar von seiner neuen Würde durchaus nicht imponieren, der Frauenberger. Meinhard hatte, so oft er den feisten Mann sah, ein unbehagliches Gefühl gehabt; sein fettes, nacktes Gesicht mit dem Froschmaul, dem weißlichen Haar, den rötlichen Augen, war ihm immer gefährlich erschienen, auch seine joviale Art hatte ihm Angst gemacht. Jetzt kam der Frauenberger auf ihn zu, blinzelte, quäkte herablassend, väterlich: „Na, junger Herzog! Es ist nicht leicht. Aber nur nicht den Kopf verlieren! Wir werden es schon schaffen.“ Er nahm mit seiner fleischigen, gefährlichen Hand die dicke, gutmütige des Jungen, blinzelte ihn an, gar nicht ehrfürchtig, gar nicht untertänig, eher mit einer scherzhaften, spöttischen Überlegenheit, drehte sich um, ging, pfiff sein Liedchen.
Da langte stürmisch, schwitzend, begeistert Prinz Friedrich an. Drang sogleich zu dem jungen Herzog. Die Vettern umarmten sich, Meinhard war erlöst in der Gegenwart des Freundes. Friedrich erzählte die Geschichte mit seinem Vater, Meinhard war enthusiasmiert. Der schwarze, schlanke Prinz, geschwellt von Tatendrang, Ehrgeiz, Jugend, Sturm, strömte aus, riß den blonden, dicken, widerstandslosen Meinhard mit, der aus seinen blauen, schlichten, runden Augen entzückt zu ihm aufschaute, sich glücklich pries, diesen herrlichen Freund zu haben. Er schloß sich ganz auf, erzählte auch von der unbehaglichen, überheblichen Art des Frauenbergers. Friedrich schäumte, stampfte. Erklärte, das werde er gleich haben. Ließ den Frauenberger rufen. Sagte ihm über die Achsel, hoffärtig, der Herzog brauche seine Anwesenheit in München nicht, beauftrage ihn, die Herzoginwitwe einzuholen, die ohne Zweifel bereits auf dem Wege nach Bayern sei. Der Frauenberger schaute die beiden jungen Herren an, langsam, lächelnd, frech, gutmütig-höhnisch, sagte, er hätte gern bei der Anordnung der Bestattungsfeier für den ihm so huldvollen verewigten Markgrafen mitgeholfen, fühle sich aber sehr geehrt, daß man ihm das Geleite der ihm ebenso huldvollen Fürstin übertrage. Er hoffe nur, fügte er väterlich besorgt hinzu, daß die jungen Herren hier in München ohne ihn zurechtkommen würden. Er blinzelte vom einen zum andern, ging.
Friedrich war mit einem heftigen politischen Programm gekommen und bemühte sich, ehe andere, sein Vater, die Maultasch, der Habsburger dazwischentreten könnten, den Vetter darauf festzulegen. Er war durchaus nicht einverstanden mit der traditionellen wittelsbachischen Regierungsmethode, die den Bürger ausspielte gegen den Adligen, die Städte bevorzugte auf Kosten der Burgen. Diese zögernde, vorsichtige Händler- und Krämerpolitik, die den Nichtritter für einen vollen Menschen nahm und achtete, war ihm in tiefster Seele zuwider. Die Welt stand – dies galt ihm für ausgemacht – auf dem christlichen Ritter, auf dem Fürsten, der keine andere Schranke kannte als die selbstgewählten Gesetze der Ritterlichkeit. Aber die heutigen Fürsten waren ohne Stolz, machten Konzessionen hier, Kompromisse dort, waren Minderer statt Mehrer ihrer Macht. Den Adel stark machen, was darunter ist, ducken, daß es nur mehr der Schemel ist für den Fuß des Fürsten. Was Geld! Was Handel! Was Städte! Die alten, lichten Gesetze der Ritterlichkeit wieder blank putzen, Land und Reich auf sie stellen.