Plötzlich, eines Abends, hellte es sich ihm. Der Abt Johannes von Viktring, mit dem er gern zusammensaß, hatte ihm eben gute Nacht gesagt. Der Abt schloß sich wie jeden Abend ein, um an der Weltchronik zu arbeiten, an der er seit ewigen Zeiten schrieb. Er nahm es ungeheuer genau, hielt das Manuskript versperrt, geheim. In letzter Zeit, da er nicht mehr schreiben konnte, hatte der Uralte einen Bruder seines Klosters beigezogen, dem diktierte er. Der hatte einen heiligen Eid schwören müssen, nie einen Buchstaben zu verraten. Gab es einen Meinungsstreit, so fragte man den Abt. Was in seiner Chronik stand, galt als letzte Wahrheit wie das Evangelium.

Wie jetzt der Abt sich zurückgezogen hatte, sagte sich der Kanzler: „Was der Abt schreibt, gilt als Geschichte, ist Geschichte. Und ist doch nur Papier. Alles Gewordene, Rechte, Privilegien sind Papier. Und werden anerkannt, man kann darauf bauen. Nimmt man es genau, so steht die Welt auf Papier. Der Böhme Karl hat kluge, gelehrte Theologen, die haben um seine Krone einen Wall von papierenen Privilegien gemacht. Sind wir in Wien weniger klug und gelehrt als die in Prag?“

Er setzte sich zusammen mit dem Abt. Er erinnerte ihn an den Tod Herzog Albrechts. Wie da der Abt verkündet hatte: Defunctus est Albertus de Habsburg, imperator Romanus. Dieses Wort, sagte der Kanzler, brenne in Herzog Rudolf weiter; wie das ewige Licht in den Kapellen brenne es, Tag und Nacht brenne es. Der Uralte hörte zu mit erloschenen Augen. Der Kanzler sprach fort in halben, andeutenden Worten, der Uralte mummelte.

Auf einmal waren jene Dokumente da. Der gelehrte Abt hatte sie bei seinen Forschungen im Archiv der Hofburg aufgestöbert. Verstaubt waren sie, vergessen im Winkel hatten sie gelegen, die köstlichen Pergamente. Unbegreiflich.

Waren sie doch, wie jetzt der Kanzler dem Herzog auseinandersetzte, weit mehr als bloß historische Spielereien. Von ungeheuerm, lebendigem Belang waren sie, geeignet, Habsburg auf einen neuen, hohen, mächtigen Sockel zu stellen, unmittelbar neben den Römischen Kaiser.

Fieberisch erregt prüfte Rudolf die Papiere. Es waren fünf Urkunden. Sie waren ausgestellt von Römischen Kaisern, von dem Ersten Friedrich, dem Vierten Heinrich, gingen zurück bis auf Cäsar und Nero. Sie bestimmten, daß Haus Habsburg ausgezeichnet sein solle vor den andern deutschen Fürstengeschlechtern, befreiten es von lästigen Pflichten, begabten es mit besonderen Rechten, machten den Habsburger zu des Reiches erstem, oberstem und treuestem Fürsten.

Rudolf sah langsam, besinnlich auf, sah den Kanzler an. Ernst, feierlich, gelassen, treuherzig schaute der auf ihn zurück. Da hob Rudolf die Papiere vom Tisch, drückte sie an seine Brust, sagte fest, er sei gewillt, die Würden und Verantwortungen, die Gott durch diese Papiere ihm auferlege, auf sich zu nehmen.

Mit gewaltigem Schwung verkündete er aller Christenheit die Auffindung dieser Hausprivilegien. Große Gesandtschaften an Papst, Kaiser, sämtliche Höfe. Feierliche Messen in allen Kirchen der Habsburgischen Lande. Rudolf, ungeheuer geschwellt, ließ das Zimmer, in dem er geboren war, er, der Chef der Habsburger, den Gott begnadet hatte, diese Urkunden wieder ans Licht zu ziehen, in eine Kapelle verwandeln.

In den Kanzleien der deutschen Fürsten gab es verblüffte Gesichter. Die Juristen des Böhmen, des Brandenburgers, des Pfälzers schrieben sich, kamen persönlich zusammen, berieten mit halben, vorsichtigen Reden, schauten sich an, allen lag ein Wort auf der Zunge, keiner wagte es auszusprechen. Endlich kam von Italien her das Wort, der Chronist Villani brachte es, der um sein Gutachten angegangene Petrarca hatte es geprägt, klar, unzweideutig: Die österreichischen Hausprivilegien sind Schwindel, lahme Fälschungen. Allein man traute sich nicht, das Gutachten des Welschen zu verwerten.

Tief mißvergnügt schaute Kaiser Karl dem Treiben des Habsburgers zu. Fast verleidete es ihm seine Reliquien, daß nun auch der Nebenbuhler solche Dokumente innehatte. Er bezweifelte sehr die Echtheit der Schriftstücke, vor allem die Urkunden Cäsars und Neros schienen ihm trotz ihrer einwandfreien Latinität bedenklich. Aber gleichwohl, sogar nach dem Urteil Petrarcas, schwankte er und wagte auch vor sich selber nicht, die Pergamente schlechthin für Fälschungen zu halten.