Herzog Rudolf saß über seinen köstlichen Dokumenten, las sie wieder und wieder, vertiefte sich, prägte jeden Schnörkel, jede Faserung des Papiers in sein Herz. Der Kanzler, der Abt Johannes schauten zu. Einverständnisvoll, befriedigt sahen sie, wie tief und immer tiefer der Herzog die Privilegien in sein Credo einschloß.
*
Margarete blieb, nach Tirol zurückgekehrt, in ihrer leeren, befremdenden Erstarrung. Sie kümmerte sich nicht um die Regierungsgeschäfte. Die Dekrete mußten durch Kuriere dem jungen Herzog nach München geschickt werden zur Unterschrift; sie blieben wochenlang, monatelang liegen. Die Räte regierten auf eigene Faust, zögernd, mit halben Maßnahmen; denn man wußte nicht: wer wird nun endgültig die Herrschaft an sich reißen, Wittelsbach, Habsburg, die Maultasch, die Münchner Artusrunde? Die wichtigsten Dinge wurden unerledigt hingeschleppt.
Margarete war ausgeschöpft bis ins letzte. Sie hatte sich mit so unerhörter Anstrengung hochgehoben, war in den Dreck geschleudert worden, hatte sich wieder hochgerafft. Es hatte sich alles als Gerede erwiesen, es war alles dumm, verlogen, frech; Reinheit, Tugend, Kraft, Ordnung, Sinn und Zweck waren ebenso alberne Phrasen wie Herrentum und Ritterlichkeit. Der Frauenberger hatte schon recht: es gab die sieben Freuden, von denen sein unflätiges Lied grinste, und sonst nichts auf der Welt.
Mit einer fast pedantischen Gier stellte die alternde, häßliche Frau ihr Leben darauf ein. Ihre Tafeln bogen sich von Leckerbissen, sie saß viele Stunden bei Tisch, in ihren Küchen wetteiferten burgundische, sizilianische, böhmische Köche. Aus großen Bechern trank sie schwere, hitzige Weine. Von allem wollte sie haben, alles mußte sie kosten. Seltene Fische, Vögel, Wildbret, Muscheln, in immer neuer Zubereitung, gesotten, gebraten, gebacken, in Mandelmilch, in Würzwein. Unersättlich verlangte sie, daß man immer anderes herbeischleppe, gierig, voll Angst, sie könne etwas übersehen, etwas versäumen. Sie ging früh zu Bett, stand spät auf, schlief auch lange Stunden des Tages. Denn schlafen war das beste. Von dem Frauenberger hatte sie sich angewöhnt, sich zu strecken, lärmvoll zu gähnen, mit den Gelenken zu knacken. So lag die dicke, alternde Frau, grauenvoll häßlich, schnarchend. Ihr hartes, kupferfarbenes Haar zottelte in spröden Strähnen. Über dem Gesicht trug sie eine Maske aus Teig, mit Eselsmilch und einem Pulver aus Zyklamenwurzeln geknetet; denn dies erhielt die Haut jünger.
Der Frauenberger war zufrieden mit der Entwicklung der Herzogin. Ja, die Maultasch war ein vernünftiges Weib, hatte sich überzeugen lassen, hatte erkannt, daß seine Weltanschauung die rechte war. Er klopfte ihr anerkennend die Schulter. Übernahm die Organisation ihrer Freuden.
Seltsame Gerüchte raunten durch die Stadt Meran, durch das Passeier. Um nächtlichen Verkehr zu erleichtern, sei der Eisenkorb am Erkerfenster von Schloß Tirol so eingerichtet, daß er in den Hof niedergelassen, der Besucher in ihm emporgewunden werden könne. Im Fällturm des Schlosses faulten die Günstlinge, die der Herzogin unbequem geworden seien. Man rümpfte die Nase über die Privilegien des Passeier Tals, seine Schildhöfe, die Befreiung von Steuern, die Jagd- und Holzrechte.
Die Herzogin ging tiefer nach Süden. Ihr kleines Lusthaus strahlte ganz weiß; unten, schwärzlichblau, dunstete in mittäglicher Sonne der weite See. Verfallene Steinstufen führten hinunter, zwischen Granatapfelbäumen. Festlich auf großer, bunter, geschmückter Barke glitt die Häßliche über das schwarzblaue Wasser, vor dem Kiel sprangen flirrende Fische, gleichmäßig schäumten die Ruder. Aus dem Bauch des Schiffes, während sie auf dem Verdeck lagerte, klang Musik.
An ihrem Wege stand der kleine Aldrigeto von Caldonazzo. Der heftige, gewalttätige Junge, gelblichweißes, leidenschaftliches Gesicht, kurze Nase unter raschen, großen, dunklen Augen, siebzehnjährig, hatte sie in Verona gesehen, dann in Vicenza, wo ihr Can Grande der Jüngere, der mächtigste Herr der Lombardei, feierlichen Empfang gerüstet. Der kleine Baron Aldrigeto war in den zerfleischenden, blutrünstigen Kämpfen der Castelbarcer als einziger Träger seines stolzen, reichen Namens übriggeblieben. Er selber hatte wütig in mehreren Scharmützeln mitgefochten. Jetzt waren die meisten seiner Festungen und Güter in den Händen der Gegner; er hatte sich an den Hof des großen Veronesers geflüchtet, fast drohend Hilfe, neuen Kampf verlangt. Er war der letzte Nachfahr seines uralten Hauses. War maßlos verwöhnt, jeder Wallung bis an die äußerste Grenze nachgebend. Die Frauen liebten sein hartes, gelblichweißes Knabengesicht.
Er sah Margarete. Er sah sie an der Seite des großen della Scala die Stufen seines Palastes hinanschreiten zwischen ehrfürchtigen Gerüsteten und sich senkenden Fahnen, unter Glockengeläut, starr geschminkt, in mächtigem, stein- und goldübersätem Prunkkleid, abenteuerlich häßlich. Er spürte auf sich ihren langen, sonderbar leblosen Blick. Er hatte natürlich wie alle Welt die dumpfen, wilden Legenden gehört, die um sie gingen, wie sie, die Unersättliche, ihren ersten Mann vertrieben, ihren zweiten vergiftet, zahllose Liebhaber habe verschwinden lassen in grenzenloser Gier. Die deutsche Messalina hieß sie in Italien. Es schmeichelte ihm, daß sie ihn ansah. Ihn reizte ihre Macht, durch die er, vielleicht, seine Gegner erdrücken konnte. Ihn reizte das gefährliche Gerücht, das um sie ging. Er war jung, ein später Abkömmling eines uralten Geschlechts. Ihn reizte ihre Häßlichkeit.