Zwei Sommermonate verbrachte die Herzogin an dem weiten See mit dem Knaben Aldrigeto. Es war brütend heiß, sie waren auch die Nächte fast immer im Freien. Sie hatte Zelte aufschlagen lassen auf einer kleinen Halbinsel am südöstlichen Ufer, unter den Trümmern lateinischer Villen, zwischen uralten Oliven. Sie lagen in Hängematten, unter Moskitonetzen. Schwärzlichblau, ehern lag der See.

Es geschah das Seltsame, daß der wilde, gelblichweiße Knabe die Häßliche zu lieben begann. Er war schön, schlank, gelblichweiß wie die zerbrochenen Statuen, die da und dort unter den Ölbäumen herumstanden. Sie war ein großes, mächtiges, starres, zaubervolles, häßliches Götzenbild. Was waren die jungen, schlanken, heißen Mädchen, die schwerer atmeten, wenn er in ihre Nähe kam? Gänse waren sie, leer und dumm und albern waren sie, eine wie die andere. Die Herzogin war etwas ganz Besonderes, einmalig, voll von uraltem Wissen, die Herrin des Landes in den Bergen, eingesperrt in ihrer rätselvollen, machtvollen, einsamen Besonderheit. Er hängte alle seine Träume um sie herum. Längst war es nicht mehr Ehrgeiz, Eigennutz, Neugier, was ihn an sie band. Wenn er ihr vorschwärmte von dem großen Reich, das er zusammenschweißen wollte vom Po bis zur Donau, wenn sie dann langsam ihre traurige, starre, unsäglich häßliche Fratze ihm zuwandte, geschah es, daß er mitten im Wort abbrach, versank. Etwas in diesem Gesicht ergriff ihn panisch, überschauerte ihn, band ihn geheimnisvoll, unlöslich. So waren sie zusammen in dem brütenden Mittag, die Herzogin, ein großes, tristes, altes Sagentier aus einer versunkenen Zeit, umkrustet mit den Narben zahlloser Kämpfe, träge von endlosem Erleben, und der Knabe, palmenschlank und biegsam, der letzte, späte Enkel der ungeschlachten Eroberer, mit heißen, dunkeln Augen aus dem weißen Gesicht in eine Zukunft schauend, die für jene Vergangenheit war.

Sie zerlegte einen Granatapfel. Der blutige Saft troff über ihre geschminkten Finger. Ihr weiter, wüster Mund nahm die glasklaren Kerne auf, sie zerspritzten unter ihren schrägen, großen, malmenden Zähnen. „Wie seltsam!“ dachte sie. „Dieser Knabe schaut zu und ihn ekelt nicht. Es scheint fast, er hält sich nicht aus Eigennutz zu mir. Ich bin alt geworden, leer, trocken, und jetzt kommt einer und liebt mich.“ Sie dachte an Chretien de Laferte, sie strich mit ihrer plumpen Hand über Aldrigetos strahlend schwarzes Haar. Mit einer jähen Bewegung warf der Knabe den Kopf herum, biß sie in die Hand. Dann lachte er, nicht bösartig. Silbern standen die Oliven, dunstig im Mittag flirrten die stillen, trägen, seligen Ufer des Sees.

In Tirol indes, während die Herzogin in Italien war, ging das Gerede um sie immer dicker und schwefliger. Sie sei eine Hexe, hieß es, sie sauge den Männern nächtlich das Blut aus, sie könne an zwei Orten zugleich sein; in Tramin hatten sie, während sie leibhaft in Verona war, ein Weib auf dunkelrotem Pferd durch die Luft reiten sehen. Immer öfter mußte die Obrigkeit Leute stäupen lassen, die unehrerbietig von der Herzogin gesprochen hatten.

Margarete lag schlaff und faul herum an den Ufern des Sees. Stunde, Tag, Monat stand still. Fuhr die Barke unter den Bäumen hin, dann war der See plötzlich tot, Schatten weckten einen unheimlich, überfrostend aus dem warmen Hindämmern. Der Knabe Aldrigeto liebte sie also. Er war schlank, schön, die Blicke der Frauen feuchteten sich verlangend, wenn sie ihn trafen, und er liebte sie; aber sie war zu leer und ausgehöhlt, sich daran zu freuen. Fernher dachte sie an den Frauenberger: Schlafen ist das Beste. Mit einem matten Verlangen wünschte sie nur eines: immer so bleiben, immer so dahindämmern in dem brütenden Sommer, schlaff, still verdunsten wie das besonnte Wasser.

*

Die Münchner Adelsgesellschaft, die bayrische Artusrunde, hatte sich mittlerweile konstituiert. Mit großem Zeremoniell vollzog sich Gründungsfeier, Aufnahme und Ritterschlag der einzelnen Mitglieder, Fahnenweihe, Krönung der Agnes von Flavon zur Königin des Bundes. Dann ein großes Turnier, Galatafeln, ausgedehnte Treibjagden.

Den jungen und gewalttätigen Herren des Bundes behagten die Grundsätze des Prinzen Friedrich außerordentlich. Sie waren da, sie waren jung, sie waren die Welt. Sie waren erfüllt von einem unbändigen Herrentum, randvoll von dem Bedürfnis, um sich zu schlagen, zu schreien, zu toben, einen endlosen, lustigen Lärm zu machen. Die Welt anzufüllen mit ihrer Jugend, die nicht wußte wohinaus, ihrer ziellosen, zwecklosen Kraft, ihrem Durst, irgend etwas anzustellen, zu tun. Nun hatte Prinz Friedrich diesem vagen, gewalttätigen Drang einen schönen, klingenden Namen gegeben, etwas, das aussah wie Sinn, Idee, Ideal. Die jungen, übermütigen, rauflustigen Barone fühlten sich plötzlich als Träger einer Mission, sie hatten Gott, Recht, Macht für sich, waren glücklich.

Wo soff und fraß man so gewaltig wie am Münchner Hof? Wo gab es größere Jagd? Wo gab es soviel Tote bei Turnieren, soviel festliches Gelärm? Die Brocken für die Narren und Zwerge, die zwischen den Beinen der Gäste herumkrochen, waren reicher als die Herrentafel manches kleinen Fürsten. Die jungen Barone waren so geschwellt von Rauflust, daß sie Wildfremde anfielen: „Gibt es eine edlere Frau als Agnes von Flavon?“ und wenn der Gefragte erwiderte, er kenne die Dame nicht, ihn zu Tode fochten. Sie brannten nach ihren Jagden Bauernhäuser, ganze Forsten nieder zur festlichen Beleuchtung ihrer nächtlichen Gelage im Freien.

Die höfischen Tänze waren zu fein und zu umständlich. Die Sackpfeife quäkte an Stelle der Flöte, an Stelle der Harfe knurrte der Fotzhobel. Man tanzte grobe Bauernreigen, den Ridewanz, den Hoppeldei, andere plumpe, ungeschlachte Tänze, sang dazu, sich die Schenkel klatschend, unflätige Verse. Fuhr herum wie die wilden Bären, hob die Frauen hoch, daß die Röcke über den Kopf flogen, streckte sie unter maßlosem Gelächter auf wenig ehrbare Weise zu Boden. Man spielte Würfel, sinnlos, erhitzt, verspielte Höfe, Burgen, Herrschaften, schenkte sie vielleicht zurück, schlug gelegentlich den Partner tot. Dazwischen torkelten Besoffene, konnten den Wein nicht bei sich halten. Man sang grobe, schmutzige Lieder, durch die nächtlichen Gassen Münchens grinste, kreischte in gröhlendem Rundgesang das Lied des Frauenbergers von den sieben Freuden.