Der junge Herzog Meinhard ging dick, gutmütig, dümmlich und vergnügt in dem tosenden Getriebe herum, fühlte sich stolz als der Mittelpunkt dieses festlichen und berühmten Geweses, das in seinem Namen veranstaltet wurde. Lächelte jeden wohlwollend an, sagte, heute sei alles wieder besonders gut geglückt. Blickte schwärmerisch zu dem schlanken, dunkeln Prinzen Friedrich auf. Streichelte seinen kleinen Siebenschläfer Peter, erzählte dem aufmerksam blickenden Tierchen, daß er sich sehr wohl fühle, daß das Regieren eine leichte, einfache Sache sei, viel angenehmer als er erwartet habe.

Agnes ließ sich lässig und mit Wohlgefallen in der Verehrung und dem Überschwang dieser vielen Jugend treiben. Ganz leise merkte sie hier und dort eine sprödere Stelle der Haut oder eine schlaffere, ein winziges, trockenes Fältchen in der Lippe, am Aug’, ein gebleichtes Haar, spürte, wie ihre Bewegungen um ein kleines mühsamer, träger, fetter wurden. Sie brauchte die tosende Verehrung dieser vielen jungen Menschen als Bestätigung ihrer Wirkung, sie brauchte ihre geräuschvolle Anhimmelung, sie schwamm darin, sie ließ sich von der hemmungslosen Anbetung des Prinzen Friedrich wohlig überspülen.

Der Prinz von Bayern-Landshut vergaß über dem Getümmel nicht seine politischen Pläne. Er sah nicht Lärm und Roheit, er sah Macht; er sah nicht Völlerei und Schlemmerei, er sah Herrentum und Glanz. Mit den Führern der Artusrunde, dem Abensberg, Laber, Hippolt vom Stein riß er die Leitung der ganzen Geschäfte an sich. Der junge Herzog vertraute ihnen an, was immer sie wollten: Pflegnis, Rat, Amt, Siegel. Bei Tafel, auf der Jagd wurde regiert. Hochmütig, zwischen zwei Bechern Weins, wurden Städten ihre Privilegien abgesprochen, Bauern sinnlos harte Fron auferlegt. Die alte Vorschrift, die Wildbret und Fisch dem Tisch des Bauern versagte, dem Herrn vorbehielt, wurde streng erneuert. Die Hofhaltung Meinhards, die Vergnügungen der Tafelrunde waren außerordentlich kostspielig. Die Domänen wurden vergeudet, die Zölle, Gefälle, Gelder der Städte den öffentlichen Bedürfnissen entzogen, für die Zwecke der Artusrunde verbraucht. Die Steuern wurden erhöht. Der Wildschaden stieg ins Ungemessene, der Bauer, der sich selbst zu helfen suchte, wurde grausam zu Tode gehetzt. Einzelne Herren der Artusrunde überfielen wohl auch die Transporte der Kaufleute, erst war es Scherz, später willkommene Bereicherung. Handel und Gewerbe stockten durch die Unsicherheit der Straßen.

Die Städte murrten, die Bauern stöhnten. Die Tiroler Herren standen an den Grenzen, Herzog Stephan, der Habsburger, untätig noch, aber mit drohenden Augenbrauen. Zuweilen erschien der Frauenberger in der Artusrunde, als Gast; zur Mitgliedschaft wurde er nicht aufgefordert. Er war indes keineswegs gekränkt, machte Späße, stachelte an; es war nicht zu leugnen, er verstand gut, die Herren zu animieren. Herzog Stephan schickte scharfe Botschaft an seinen Sohn, er werde seiner Erbschaft Niederbayern verlustig gehen, kehre er nicht nach Landshut zurück. Prinz Friedrich antwortete nicht, warf den Gesandten in Fesseln.

Auch der Habsburger, wiewohl er klüger und leiser sondierte, fuhr in München nicht gut. Herzog Rudolf hatte ein Bündnis mit dem König von Ungarn gegen Kaiser Karl geschlossen. In einem vertraulichen Schreiben forderte er Meinhard auf, in dieses Bündnis einzutreten, den Kaiser für den natürlichen Feind des Wittelsbachers ansehend. Allein Prinz Friedrich, im Verfolg maßlos dünkelhafter Prestigepolitik, erachtete keinen Reichsfürsten, sondern nur den Römischen Kaiser für Wittelsbach gleichbürtig, alliierte sich nicht mit einem gewöhnlichen Territorialherrn, schon gar nicht mit dem anmaßlichen Habsburger. Nein, Wittelsbach stand, und mochten auch politische und ökonomische Gründe dagegensprechen, aus idealen Motiven stolz und adelig zu dem einzigen ihm ebenbürtigen Deutschen, zum Römischen Kaiser.

Auf seinen Kolben bei Tafel steckte ein buntscheckiger, buckliger Hofnarr den vertraulichen Brief des Habsburgers, des Ersten, Obersten, Treuesten Fürsten des Reichs. Von Gast zu Gast lief der vielgefleckte Zwerg, mit zahlreichen, tiefen Verneigungen, wies auf seinem Kolben das geheime, bösartig den Kaiser verunglimpfende Schreiben des Österreichers. Dann schickte Friedrich im Auftrag Meinhards den durchlöcherten, besudelten Brief mit einem hochtrabenden Begleitschreiben als Gleicher dem Gleichen dem Kaiser nach Prag.

Auf einer Barke kam zur Halbinsel im Südosten des Sees der uralte Johannes von Viktring. Er war begleitet von zwei Klosterbrüdern und führte mit sich in verschlossener Truhe seine Chronik, „Das Buch gewisser Geschichten,“ das er nun endgültig abgeschlossen hatte.

Der Uralte war jetzt ganz ausgetrocknet und sehr weise. Er hatte so vieles gesehen, alle Menschen und Ereignisse mit schönen Versen begleitet, alle Dinge gewogen und in seinem Buch aufgezeichnet. Was noch geschah, das konnten immer nur Variationen von dem sein, was er geschildert. Zudem hatte er erfahren, daß ein Italiener, ein gewisser Giovanni Villani aus Florenz, an einer ebenso weit und gründlich angelegten Chronik arbeitete wie er selber. So hoch er jetzt über Wallungen und eitlen Erregungen des Gemüts stand, so hatte es ihn doch verdrossen, als er das Werk des Italieners von klugen und urteilsfähigen Männern sehr rühmen hörte. Der ehrsüchtige welsche Literat machte es sich leicht; er arbeitete mit sensationell aufgeputzten, auf starken Effekt hinzielenden Schilderungen, während er, der verantwortungsvolle Gelehrte, feilte, rundete, Daten, Fakten solid fundierte, immer das Werk als Ganzes im Auge haltend. Jetzt also hatte er sich entschlossen, den großen Punkt zu setzen. Er diktierte seinem Bruder Sekretär mit einem wissenden Grinsen unterstrichen falscher Bescheidenheit: „Ich aber überlasse es späteren, die zukünftigen Ereignisse besser zu berichten, und beende hier meine Aufzeichnungen, und zwar, wie ich wenigstens selbst gern möchte, in guter und der Geschichte würdiger Weise.“ Er mummelte ein Weniges, kicherte, legte dem Bruder Sekretär die dürre Hand auf die Schulter, diktierte voll falscher, gespielter Demut den letzten Satz: „Sollte es aber weniger gut geraten sein, so möge es mir verziehen werden als unternommen zum Ruhm der heiligen und unteilbaren Dreieinigkeit, welcher sei Ehre, Lob, Preis und Erhabenheit in alle Ewigkeit. Amen.“

Und jetzt also saß der Uralte unter Oliven und tausendjährigem Gemäuer und überreichte der Herzogin das Werk, bei seiner aufmerksamen Schülerin Verständnis erhoffend. Margarete lag in der Hängematte, schüttete gekühlten Orangensaft in ihren großen Mund; faul, schlank, weiß dehnte sich der Knabe Aldrigeto, träg sich moquierend über den zahnlosen Greis.