Als der Abend kam und es kühler wurde, ließ sie sich von dem Bruder Sekretär vorlesen. Die geübte, dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers rezitierte Widmung und Vorrede des Abtes. Unter Anführung vieler Zitate sprach er davon, wie Leben und Wirklichkeit Geschichte wird, wie nichts bleibt vom Leben und Sein als Geschichte, und wie Geschichte der letzte Zweck alles Tuns ist und seine beste Basis. Was bleibt von großen Männern als ihr Gedächtnis, das gleich ist dem Duft, den mit Äpfeln beladene Schiffe auf unserm Ufer zurücklassen, wenn die Schiffe schon weit am jenseitigen Ufer sind? In diesem Sinne begann er aufzurollen das Bild der letzten hundertundzwanzig Jahre, ein Bild von der Kürze des menschlichen Lebens, der Vergänglichkeit der Natur, der Unbeständigkeit des Glücks, dem schnellen und flüchtigen Wechsel irdischen Ruhmes.
Margarete dachte: „Das alles weiß ich, und es trifft mich nicht mehr. Mein Programm liegt hinter mir.“ Aber mählich, wie die dunkle, gleichmäßige Stimme des Klerikers weiterkam in den vielfältigen Begebnissen, wie die bunten, einfältigen, schlauen, frechen, milden, großen, kleinen Historien einander ablösten, alle abgekühlt, gut gebettet, jede so da und so vorbei wie die vorhergehende und wie die folgende, mählich da riß es sie mit, sie glitt hinein in den gemalten Strom der Zeit. Meinhard, der große Graf von Tirol, der starke, schlaue, unbedenkliche: sie war ein Teil von ihm. Diese Gebiete, die da so lange getrennt gewesen waren: sie hatte das ihre getan, sie in der rechten Art zusammenzukneten. Diese Städte, die als kleine, lächerliche Siedlungen begonnen: sie hatte das ihre getan, sie groß und blühend zu machen.
Und jetzt war sie aus dem breiten, fließenden Strom ausgeschieden, abgespaltet, brackiges, schlaffes, totes Wasser. Ihr Leben auf der kleinen Halbinsel kam ihr plötzlich unsäglich albern vor. Die Ölbäume, das alte Gemäuer, der Orangenhain, was war das anders als eine leere, dumme, protzige Dekoration? Wie war es möglich, sich zu verstecken in dem toten, brütenden, einsamen Sommer, während draußen heftige, wilde, zerstörerische Dinge geschahen, in ihrem Land, während die deutschen Fürsten sich balgten um ihren armen, lächelnden, blöden Sohn? Was hatte sie statt dessen? Den Knaben Aldrigeto, einen hübschen, kleinen Jungen.
Den ganzen andern Tag las sie in dem „Buch gewisser Geschichten“. Der Uralte strahlte, trank gegen seine Gewohnheit Wein, die größere Hälfte mit zitternder Hand verschüttend, wackelte mit dem Kopfe. Dann schickte sie einen Eilkurier nach Vicenza zu Can Grande, sie habe ihn dringend zu sprechen.
Nahm mit einem tiefen, gütigen Lächeln leichten Abschied von dem Knaben, strich über sein strahlend schwarzes Haar, streichelte sein gelblichweißes, heftiges Antlitz. Sagte, sie werde in drei Tagen zurück sein. Der Knabe ließ sich ihre Zärtlichkeiten faul gefallen, preßte plötzlich mit kräftigen Fingern schmerzhaft scherzend ihr Gelenk, ließ sie lächelnd fahren.
In Vicenza hatte sie mit dem Herrn della Scala eine kurze Unterredung. Der kluge, mächtige, energische Herr mochte die Herzogin gut leiden, man konnte mit ihr rasch und sachlich verhandeln. Sie sagte, die Episode mit dem kleinen Aldrigeto sei nun zu Ende; sie habe den Knaben in guter, freundlicher Erinnerung. Da sie ihn in solcher Erinnerung behalten wolle, möge Herr della Scala ihr die Gefälligkeit erweisen, dafür zu sorgen, daß jener verschwinde. Can Grande schaute sie mit klaren, braunen, gewölbten Augen aus dem starken, fleischigen Gesicht aufmerksam und verständnisvoll an, neigte sich höflich.
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Aus brütender, sommerlicher Versunkenheit tauchte Margarete empor in die frischere Luft der heimatlichen Berge. Man begrüßte sie ohne Schwung. Das Land litt. Die Münchner Regierung der Artusrunde, von den Launen der Agnes abenteuerlich hin und her gerissen, preßte experimentierend hier und dort an Tirol herum, machte das Land krank. Die Städte verfielen, der Bauer, zusammenbrechend, knurrte. „Die Maultasch macht uns kaputt,“ hieß es. „Sie saugt uns das Blut aus. Jetzt, wo der Markgraf tot ist, erweist es sich klar, daß alles Gute von ihm kam, alles Schlechte von ihr.“
Margarete, mit kräftiger Hand, riß die Zügel an. Rottete die schlimmsten Übelstände aus. Milderte den Vollzug der Vorschriften, die von München kamen. Das Volk atmete auf: „Ah, nun hat, endlich, Agnes von Flavon eingegriffen! Die schöne, gesegnete Agnes! Unser Engel, unsere Retterin.“
In der Loggia von Schloß Schenna saß mit dem Schloßherrn Margarete. An den Wänden schritten die bunten Ritter, Garel vom Blühenden Tal, der Löwenritter. „Wie gut, daß Sie aufgewacht sind!“ sagte Herr von Schenna. Hell und freundlich lagen die Berge, sich drängend, gewellt. Frischer Wind ging, Obst und Wein lag fast gereift, besonnt.