Der gutgelaunte Kaiser empfing seine ehemalige Schwägerin mit Wohlwollen und Ironie. Ei ja, sie waren zusammen jung gewesen. Er hatte damals, als er das italienische Abenteuer seines Vaters liquidierte, manches gute Gespräch mit ihr geführt. Sie war eine kluge Prinzessin gewesen, aber doch wohl eben nicht maßvoll genug. Sie hatte unersättlich von allem haben wollen, so war ihr schließlich alles zerronnen. Er hatte sein Temperament klug gezügelt, er war Römischer Kaiser und hatte einen Sohn, dem er eine festgefügte Herrschaft hinterlassen konnte. Sie irrte herum in der Welt, ein schwächlicher, ungeratener Junge vergeudete ihre Länder, war Spielball in der Hand eines jeden, der ihn zu nehmen wußte. Sie hatte seinen Bruder Johann höhnisch, schmählich aus Schloß Tirol ausgesperrt; man mußte es dann vor der Kurie so drehen, als könnte aus der Ehe mit Johann kein rechter Erbe kommen. Der Kaiser konnte es sich nicht versagen, ihr den stattlichen, schmucken Sohn Johanns vorzustellen. Wer hatte nun den rechten Erben, sie oder Johann?

Alte Geschichten. Alte Geschichten. Margarete nahm Ironie und Demütigung still hin, mit einer geschäftsmäßigen Ruhe, die sie vielleicht von dem Juden Mendel Hirsch gelernt, mit einem Gleichmut, der die Einleitungsformalitäten ruhig über sich ergehen läßt, um nur ans Ziel zu kommen. Dann klagte sie. Klagte über die törichten Gewalttätigkeiten der Artusritter, die das Land ruinierten. Der Kaiser hörte zu; in ihm grinste eine jungenhafte, hämisch die Zunge weisende Schadenfreude. Er versicherte ihr sein persönliches Interesse, betonte aber, er habe sich jetzt nach so vielen Jahren einer anstrengenden Regierung für einige Wochen Ferien gemacht. Die Sache sei letzten Endes nur eine Angelegenheit des Hauses Wittelsbach. Er werde sie aber, nach Prag zurückgekehrt, trotzdem in wohlwollende Erwägung ziehen. Auch bei einem wiederholten Vorstoß erreichte Margarete nicht mehr; sie hatte sich umsonst gedemütigt. Karl war offenbar fest entschlossen, der inneren Schwächung der Wittelsbacher in schmunzelnder Neutralität zuzuschauen.

Im übrigen behandelte der alternde Kaiser die Herzogin mit einer übertriebenen, amüsierten, fast parodistischen Galanterie, die Margarete früher aufs Blut gereizt hätte. Es würzte ihm die gehobene Heiterkeit seiner Ferien- und Faschingstage, sein Glück, seine Erfolge zu unterstreichen durch die Folie dieser im Grunde gescheiterten Ehrgeizigen. Fast gutmütig scherzte er mit seinem Kanzler über die Maultasch. Sie zeigte sich ohne Scheu, im hellsten Licht, schmuckstrotzend wie ein Götzenbild, an der Seite des Kaisers. Das Volk staunte sie groß an. Sie starrte nur auf ihr Ziel: Tirol, die Städte. Agnes verjagen, das Land Agnes aus der Hand reißen. So angefüllt davon war sie, daß sie mit keiner leisesten Ahnung merkte, was sie dem Hof und der Stadt war: die groteske Krone dieses Karnevals.

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Agnes war sehr belebt durch die Unterredung mit Margarete. Die Herzogin hatte einen Vergleich angeboten, weiteren Kampf angesagt. Hatte, auf Umwegen, ihre Niederlage einbekannt.

Agnes wußte, daß die Artusrunde allein das Land nicht auf die Dauer halten konnte. Die Städte, der ganze Adel, soweit er nicht dem Bund angehörte, bäumten auf. An den Grenzen stand lauernd der Habsburger, drohend der Wittelsbacher. Drängte jetzt noch von Süden her die Maultasch an, dann war es Narretei, ohne Allianz das Land halten zu wollen.

Prinz Friedrich wollte das nicht wahr haben. Schlank, dunkel, trotzig stand er, deklamierte überzeugt von seinem Schwert und seinem Recht. Er gefiel Agnes sehr. Aber sie dachte an den Frauenberger, wie der wortlos mit seinem jovialen, gefährlichen Lächeln den ganzen knabenhaften Überschwang in kahle Nebel entzauberte. Sie seufzte ein kleines, träges Seufzen, strich dem Prinzen über das dunkle Haar, begann vorsichtig eine Aussöhnung anzuregen mit seinem Vater, mit dem Herzog Stephan, daß Wittelsbach geschlossen stehe gegen Habsburg, gegen die Maultasch. Wie gestochen fuhr der Prinz herum, trotzte auf, tief gekränkt, daß sie ihm das zumute. Agnes schwieg, lächelte mit ihren kühnen Lippen, fuhr fort, sein Haar zu streicheln.

Wenige Wochen später schlossen Stephan von Niederbayern und die Pfalzgrafen Ruprecht der Ältere und der Jüngere bei Rhein einen Bund mit Rat und Bürgern von München und elf anderen bayrischen Städten sowie mit zweiundzwanzig bayrischen Baronen gegen diejenigen, die sich Artusritter hießen und den Herzog Meinhard seinen Ländern und Leuten entfremdeten. Sie sprachen den Ministern, die sich Meinhards, seiner Pflegnis, seines Rates und Amtes angenommen, ihr Anerkenntnis ab, erklärten das Regierungssiegel des Artusbundes für ungültig, die Gesetze und Verordnungen, die jene erlassen hätten, für kraftlos. Sie verpflichteten sich, den jungen Herzog der Schmach zu entreißen, in welche jene ihn gestürzt, dahin zu wirken, daß er seine fürstliche Gewalt besser wahrnehme und handhabe.

Die Artusbrüder machten große, grölende Worte, nahmen ein paar Münchner Bürger als Geiseln fest, erklärten, sie würden die Meuterer an den Beinen aufhenken lassen wie räudige Hunde. Indessen wurden in einzelnen Städten im Oberland Truppen des Artusbundes entwaffnet und gefangengesetzt, Steuerbeamte, die Gelder erheben wollten, verprügelt. Die Münchner Tafelrunde hielt sich an den Geiseln schadlos, mißhandelte sie, hieß sie den Boden rein lecken, zwei wurden schmählich aufgehängt. Das verhinderte nicht, daß die Truppen der Barone von Tag zu Tag weniger wurden, während im Norden Herzog Stephan ein Heer zusammenzog. Die trotzigen Herren dachten nicht daran, ihren Bund gutwillig aufzulösen. Im großen Saal der Münchner Hofburg schworen sie, mit gekreuzten Schwertern, feierlich Einigkeit und Widerstand bis zum Untergang. Herzog Meinhard stand benommen, erhoben, dümmlich und überflüssig bei diesem Akt herum; heimlich streichelte er sein Murmeltier Peter, heftig dann schrie er im Chor mit, als die andern beteuerten, sie würden sich nicht unterwerfen, niemals, niemals, niemals!

Es begann nun für den Herzog ein wildes Wanderleben, dessen Sinn er nur sehr teilweise begriff. Er wurde herumgeschleppt auf den Burgen der Artusritter, von einer zur andern. War auf Schloß Laber, Pinzenau, Maxlrain, Abensberg. Man jagte, soff. Berannte ab und zu die Burg eines aufständischen Barons. Eroberte Schloß Wörth, zwei Burgen des Oberjägermeisters von Kummersbruck, des Vertrauten des alten Markgrafen. Die Maßnahmen, zu denen der Herzog seine Unterschrift gab, wurden immer wilder und sinnloser. Ein Marktflecken, dessen Steuerertrag hinter den Erwartungen zurückgeblieben war, wurde dem Erdboden gleichgemacht, der Kummersbrucker, der sich neutral erklärt hatte, ohne Gerichtsverfahren enthauptet. Diese Hinrichtung trieb den ganzen neutralen Adel ins Lager der Gegner.