„Und dann ist er gestorben?“ fragte der junge Herzog.
„Ja,“ antwortete der Frauenberger, „dann ist er gestorben.“
Als Meinhard nach ein paar Stunden schlechten Schlafes erwachte, war sein kleines Murmeltier Peter nicht mehr da. Der junge Herzog und die Knechte suchten, der Frauenberger knurrte über die Verzögerung. Schließlich fand sich das Tierchen tot im Stroh des Frauenbergers. Es mußte seinem Herrn entwischt sein, der schwere Mann hatte es wohl im Schlaf erdrückt. Meinhard starrte entgeistert. Eine dumpfe, träge, lähmende Traurigkeit fiel ihn an. Er schaute in stumpfem, wehrlosem Grauen zu, wie ihm der Albino das possierliche Tierchen, das er geliebt hatte, aus der Hand nahm, es an den Beinen hochhielt, die kleine Leiche pfeifend in einen Winkel warf. „Jetzt aber aufs Pferd!“ quäkte er.
Man ritt weiter den Fluß hinauf. Das Tal wurde enger, verwinkelter; die elende, schmale Straße folgte in endlosen Biegungen dem reißenden, weißgrünen Fluß. Dicker Wald, triefende Bäume. Unten, gischtig, gläsern grün, von vielen Kiesinseln zerspalten, das lärmende, rasche Wasser, durch die Tannenwipfel ein trister, schmutziggrauer Himmel. Die Felswände traten oft so nahe in die Straße, daß die Pferde scheuten, nur mit Mühe weiterzubringen waren.
Dann gabelte sich der Weg, man tauchte in dicken, endlosen Forst. Den immer dünneren, tosenden Fluß entlang ritt man, der hell und fröhlich laut durch den dunkeln Wald seine Straße brach. Die Gegend lag schweigend, ungeheuer einsam. Regen rann, gleichmäßig, hoffnungslos, selbst das Pfeifen des Frauenbergers verlor seine Frische in der nassen, grauen Traurigkeit ringsum, lahmte, starb.
Endlich sperrte ein hoher Gebirgsstock das Flußtal, dem man bisher gefolgt war. Man war in einem zirkusartigen Halbrund riesenhafter, grausig kahler, weißlichbrauner Felswände. Dahinter lag Tirol. In diesem Hochtal nächtigte man. Der Frauenberger und die Knechte richteten sich im Freien ein, so gut es ging. Eine winzig kleine, verfallene Hütte war da, die ließ man als Unterschlupf vor dem Regen dem Herzog.
Da hockte nun, halb kauernd, halb liegend, in der Hütte der Knabe Meinhard, Herzog von Bayern, Markgraf von Brandenburg, Pfalzgraf bei Rhein, Graf von Tirol. Er äugte, lauschte, ob die andern ihn sehen könnten, schon schliefen. Als er sich allein glaubte, hielt er sich nicht mehr. Er hatte Angst, fühlte sich zerschlagen, unsäglich elend. Langsame Tränen kollerten aus seinen blanken, runden Augen über seine dicken, dummen Wangen. Er weinte, weil der Frauenberger sein Murmeltier Peter erdrückt hatte, er weinte, weil die Felswände so hoch waren, die er morgen übersteigen mußte.
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Agnes war verblüfft über die meisterhafte Schlichtheit, wie der Frauenberger den Herzog so frech und geradezu entführt hatte. Er imponierte ihr, er war ein Kerl, daran war nicht zu rütteln. Mit Unlust, ohne Schwung und Glauben an Erfolg traf sie Gegenmaßnahmen. Am liebsten hätte sie alles dem Prinzen Friedrich überlassen; doch der war in Ingolstadt. Sie mußte allein die Verfolgung organisieren.
Sie schickte Kuriere an die Grenzen, kleine Streifen Bewaffneter. Man mußte sacht vorgehen, durfte kein Aufsehen erregen; es ging nicht an, den Fürsten mit sichtbarer Gewalt am Betreten seiner Grafschaft Tirol zu hindern.