Der Frauenberger glaubte sich, nachdem er das kleine Jagdhaus im Karwendel hinter sich hatte, schon ungefährdet. Doch wenige Stunden, bevor sie den bequemen Paß zum Achensee erreichten, begegnete ihnen der Transport eines Holzhändlers, der in diesen Gegenden gearbeitet hatte, und den früher einmal, nachdem er gewisse etwas zu gewalttätige Transaktionen nicht ruhig hingenommen hatte, der Albino hatte stäupen lassen. Der Frauenberger dachte zunächst daran, den Holzhändler anzufallen und beiseite zu schaffen; doch da hätte einer von den sechs Knechten des Transportes sich durchschlagen können, und dann war der Herzog noch mehr gefährdet. Der Frauenberger beschloß also, den Holzhändler laufen zu lassen und, trotz der Bedenken der wegekundigen Knechte, statt des leichten Übergangs über das Plumser Joch den schwierigen, ungewöhnlichen Weg über das Lamsenjoch nach Schwaz oder Freundsberg zu versuchen.
Man ließ die Pferde zurück, bog kurz vor der Felswand in ein Seitental. Der Bach, der dieses Tal gebildet, hatte kein starkes Gefälle, oft verlor er sich ganz, floß unterirdisch. Der pfadkundige Knecht führte. Man stieß auf Weidengehölz, Moorboden. Es regnete noch immer. Dann, überraschend, weitete sich das Tal. Fremdartig war plötzlich ein Ahornbaum da. Mehrere. Ein ganzer Hain. Die alten Bäume standen groß und still im Regen. Nur undeutlich erkannte man durch sie und hinter Regenschleiern die riesigen, weißen Bergwände, die weit und unwiderruflich ringsum das Tal schlossen, und sie waren so hoch, daß man durch die Bäume ihre Gipfel nicht sah. Kein Wind ging, man hörte still und gleichmäßig den Regen triefen von den Blättern der alten, ernsten, fahlfarbenen Bäume.
Meinhard konnte nicht weiter. Man rastete in dem ständig rieselnden Regen, machte sich an die mitgebrachten Speisen. Meinhard konnte nicht essen. Es ängstete ihn, daß man die Gipfel der Felswände nicht sehen konnte. Nie wird er da hinauf- und hinüberkommen; man stand eingesperrt in diesem Tal unter den unheimlichen, leichenhaften Bäumen wie am Ende der Welt.
Sie begannen den Aufstieg. Er war fürs erste nicht schwer. Man stieg sachte, in kleinen Windungen einen Gießbach entlang. Die Knechte voraus, den bequemsten Pfad suchend. Meinhard hatte schon schwierigere Wege gemacht; aber es war wie eine Lähmung über ihm. Die Beine waren ihm wie Klötze, er schwitzte vor Mattigkeit, atmete mit Mühe. Er glitschte auf dem nassen Stein, der Frauenberger stützte ihn, er zuckte bei jeder Berührung. Je weiter man emporklomm, so höher, höhnischer, unüberwindlicher starrte ihm die Felswand.
Abgeblühte Alpenrosen, Kriechgehölz, Schnee. Die Knechte stapften gleichmäßigen Schrittes voran. Unsicher, gleitend, schnaufend, aussetzend folgte der Herzog. Plötzlich blieb einer der Knechte stehen, horchte, sah den Frauenberger an. Der hatte schon gehört, erlaubte seinem nackten Gesicht kein Zucken. Der Holzhändler hatte also doch wohl Alarm geschlagen. „Menschen oder weidendes Vieh,“ sagte er gleichmütig. Drängte weiter. Auch die Knechte nahmen rascheren Schritt.
Meinhard hatte auf Rast gehofft. Es erbitterte ihn, daß man dazu keine Anstalt machte. Dann fiel er in trübe Lethargie, ließ sich schlaff von dem feisten Mann weiterzerren. Sowie man einen Augenblick ausschnaufte, brannte einen die scharfe Kälte. Der Schnee wurde tiefer, der junge Herzog brach bei jedem Schritt ungeschickt ein.
Der Frauenberger überlegte schneidend klar. Ohne den Schnee hätte man ihn wohl hinüberbringen können. So war es nicht möglich, mit dem Jammerlappen über das Joch zu kommen. Zudem schien es, als ob Meinhard jetzt störrisch würde. Er machte sich schwerer, träger.
Die Knechte waren ein gutes Stück voraus. Der Frauenberger blieb stehen. „Na, junger Herzog“? quäkte er. „Müde?“ Meinhard sank erschöpft in den Schnee, atmete hastig. Der Frauenberger pfiff sein Liedchen. Dachte scharf nach. Dies also war schief gegangen. Er hatte sich schon abgefunden. Wie weiter? Meinhard in die Hand der Wittelsbacher zurückfallen lassen? Die würden nach der mißglückten Flucht den Jungen doppelt fest haben. Es wäre gut gewesen, Meinhard gegen die Maultasch ausspielen zu können. Das ging nicht. Dann besser mit der Maultasche allein, und der lästigen Kontrolle der Wittelsbacher ein für allemal der Vorwand entzogen.
Er pfiff noch immer. Trank Wein aus seiner Flasche. Reichte auch Meinhard zu trinken. „Wir müssen weiter, junger Herzog,“ sagte er. Gab ihm die Hand, ihm beim Aufstehen zu helfen.
„Ich kann nicht,“ klagte Meinhard, als er mühsam stand. „Ich mag auch nicht,“ fügte er störrisch hinzu.